Im Kino

Look Me Over – Liberace

ein Film von Jeremy J.P. Fekete

Deutschland 2020, 90 Minuten, englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

FSK 12

Kinostart: 5. August 2021

Look Me Over – Liberace

Er war die erste Las-Vegas-Ikone, Prunk-Pianist, Showgigant und Idol für Millionen: Liberace! „I’m a one-man-Disneyland!“ Getreu dieser Maxime wuchsen die schillernden Shows und schmalzig-poppigen TV-Auftritte des „King of Bling“ ins Unermessliche – mit strassbesetzten Rolls-Royce-Limousinen, meterlangen schneeweißen Chinchilla-Mänteln, pompösen Nerz-Stolen und kiloweise Brillantschmuck. Dabei flirtete er breit lachend und augenzwinkernd mit seinem Publikum und avancierte zum Lieblingsschwiegersohn der amerikanischen Mütter. So legendär Liberaces Auftritte waren, so paradox war sein Privatleben: Kein anderer Künstler kultivierte schwule Selbstinszenierung derart glitzernd auf den größten Bühnen, doch öffentlich stritt Liberace seine Homosexualität stets vehement ab. 1987 starb er an den Folgen von Aids.

In „Look Me Over – Liberace“ begibt sich Regisseur Jeremy J.P. Fekete auf die Suche nach dem Menschen hinter der schillernden Maskerade des „Mr. Showmanship“. Frühere Protegés und Liebhaber, Nachkommen seiner Schönheitschirurgen, sein ehemaliger Manager und weitere Weggefährten lassen die „Ära Liberace“ wieder auferstehen – unterstützt durch spektakuläres Archivmaterial. So trägt Fekete nach und nach Liberaces schützendes Blendwerk ab und entblößt in der Lebensgeschichte des flamboyanten Entertainers ebenso die damaligen Verheißungen und Schatten des „American Dream“. Sein Film erzählt von einem Doppelleben zwischen Bling-Bling und Selbstverleugnung, das von den ungeschriebenen Regeln einer zutiefst bigotten Gesellschaft bestimmt war.

Trailer

LIBERACE – THE GLITTER MAN
von Matthias Frings

Um Liberaces Rang und Bedeutung für die amerikanische Populärkultur zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass nur wahre Legenden unter ihrem Vor- oder Nachnamen bekannt sind: Marilyn, Marlene, Madonna. (Letzteres Marktgenie hatte bei ihrer Markenwerdung diese höchste Auszeichnung gleich mit eingepreist.) Auf Männerseite gibt es neben Liberace nur Elvis, den wie ihn so ein gewisses Parfum umgab, ein sexueller Lockstoff, ein Fluidum zwischen sentimental schmachtend und aufreizend anrüchig.

Liberace war zwar „nur“ ein Pianist, der auf unzähligen Bühnen von Carnegie Hall bis Las Vegas sowohl Klassik als auch Populäres spielte, aber er war ein Superstar, „Mr. Showmanship“ genannt. Kein Amerikaner, der ihn nicht gekannt hätte. Heutzutage wäre er so etwas wie eine Mischung aus Timotheé Chalamet und Harry Styles, ein angeschmachtetes Idol, das die Hormone in Wallung bringt. Liberace war so berühmt, dass in Nina Simones Evergreen „My baby just cares for me“ sein Name auftaucht, wenn es um das Nonplusultra eines verführerischen Lächelns geht: „And even Liberace’s smile is something he can’t see“. Viele Jahre später hat George Michael in seiner aktualisierten Fassung den Namen Liberace durch das seinerzeit regierende Sexsymbol ersetzt: „And even Ricky Martin’s smile…“

Schaut man mit heutigem Blick auf Liberace, fällt es schwer, seinen Nimbus zu begreifen. Schon mit dem Namen beginnen die Probleme: Wie spricht man das aus? Vorne wie Lieber und hinten wie Bratsche. Das ist noch einfach, aber wer ein Bild des Pianisten zur Hand nimmt oder ein Video anschaut, mag seinen Augen nicht trauen: Diese dickliche Grinsebacke, ölig und näselnd unter Zementfrisur, soll die Hallen gerockt haben? Und wie er schwadroniert und die Händchen wirft, dazu die Paillettenanzüge, der Hermelinumhang, die Brillis, diese Orgie in Kitsch. In Großbuchstaben springt uns heute an, was dem amerikanischen Publikum anscheinend nicht in den Sinn kam, nicht kommen durfte: Dieser Mann ist ein Verzauberter, ein Freund von Dorothy, ein Shirtlifter – dieser Mann ist SCHWUL. Seinem Sexappeal tat das keinen Abbruch. Der charmante Klavierspieler war halt etwas flamboyanter, hatte Lust an der Verkleidung, am Spektakel. Da prickelte etwas, gewiss, aber es wäre zu skandalös gewesen, dafür ein Wort zu finden.

Eine weitere Ikone der Populärkultur könnte dabei helfen, das Phänomen Liberace zu erklären: Dolly Parton. Auch die Königin der Countrymusic wirkt bei ihren Auftritten stets wie ein explodierter Weihnachtsbaum. Setting und Outfit ein Hochamt des Bling, erinnert sie mit breitem Lächeln und hoher Stimme an eine Comicfigur. Doch die Annahme, sie sei ebenso dumm wie gewöhnlich, ist so falsch wie ihr Blondhaar und ihre Brüste. Wie Liberace stammt sie aus der Unterschicht und tritt seit Kindesbeinen auf, wie er rackert sie sich auf der Bühne für ihr Publikum ab und nimmt ihren Kritikern mit entwaffnender Offenheit den Wind aus den Segeln: „Sie wären erstaunt, wie teuer es ist, so billig auszusehen!“ Und auch ihr Credo könnte von Liberace stammen: „Nichts an mir ist echt, aber alles kommt von Herzen.“ Zwei Menschen mit großem Arbeitsethos – Liberace absolvierte fünftausend Auftritte in Las Vegas und verpasste davon nur einen einzigen –, die sich nicht dafür entschuldigen, für „einfache Menschen“ zu spielen.

Wladziu Valentino Liberace wurde 1919 in West Allis, Wisconsin als Sohn einer polnischen Mutter und eines italienischen Vaters geboren. Seinen Werdegang begann er als Wunderkind mit klassischer Ausbildung auf dem Konservatorium. Selbst naserümpfende Kritiker mussten stets zugeben, dass er ein exzellenter Pianist war. Jahrelang trat er als Solist unter anderem mit dem Chicago Symphony Orchestra auf. Die Tatsache, dass er in dieser Zeit siebenmal in Folge den Preis als schnellster Pianist gewann, deutet schon die Richtung an, die seine Karriere später nahm.

Liberace, der sich auf Anraten seines Komponistenfreundes Paderewski dazu entschließt, nur noch seinen Nachnamen zu verwenden, liebt die Bühne, den Applaus und das Publikum. Und das Publikum liebt ihn. Besonders die Frauen. Erst mischt er populäre Volkslieder unter seine Soloprogramme, später spielt er bevorzugt Evergreens der Klassik mit Pop-Touch. Mit dem Siegeszug des Fernsehens in den fünfziger Jahren wird Liberace, der Entertainer geboren. Er fällt auf, weil er im Gewimmel der üblichen bunten Variety Shows ein Soloakt ist, einer mit Pep, Humor und Charme. Er ist sich für keine Sause zu schade, spielt Cowboylieder ebenso wie Chopin, Filmmusik und Weihnachtlieder. Er spielt auch Banjo und tanzt in kurzen Hosen als Cheerleader, wenn es sein muss. Dazu kecke Sprüche – frivole Ablenkungen im Bravheitsmief der Fünfziger Jahre. Die Klassik jedoch bleibt sein Markenzeichen, dazu stets ein Kandelaber auf dem Flügel. Diese Anmutung gibt seinem Publikum das Gefühl, ein wenig Hochkultur zu inhalieren – und bringt nicht wenige dazu, sich zum ersten Mal mit klassischer Musik zu beschäftigen.

So süßstoffreich er auf der Bühne auch wirkte, so sehr schätzten seine Freunde Liberaces echte Fröhlichkeit, seine Offenheit und Neugier. Ebenso gutgläubig wie furchtlos ließ er sich etwa von seinem „Chauffeur“ in eine echte Cowboykaschemme fahren – beide im bodenlangen Zobel. Drinnen ging er zur Bar, streckte die Hand aus und sagte: „Guten Abend, ich bin Liberace.“ Endergebnis: Die harten Kerle liebten ihn, durften einer nach dem anderen seinen Pelz anprobieren und er dafür ihre Cowboyhüte. Im Gegensatz zu manchem Multimillionär war Liberace äußerst vertrauensselig und großzügig. Mutter und Schwester lebten mitsamt Anhang bei ihm und auf seine Kosten. Er war loyal, stellte selbst seinen alkoholkranken Schwager als Bandleader ein und richtete der Frau Mama, die schrecklich gern an einarmigen Banditen spielte, ein kleines privates Casino ein. (Er musste dafür extra eine Lizenz beantragen, und wenn sie einen Royal Flush hatte, scheute sie sich nicht, den Gewinn bei ihm persönlich abzukassieren.)

Liberace war der erste Mann im Popbusiness, der den Weg dafür ebnete, dass auch Männer mit ganz großem Bling-Bling auftreten konnten. (Elton John und Prince sind offensichtlich bei ihm in die Schule gegangen.) Er trat nicht einfach auf, er wurde in einem strassbesetzten Rolls-Royce auf die Bühne kutschiert und entstieg ihm in einem bodenlangen weißen Nerz mit meterlanger Schleppe. Gegen Ende seiner Karriere nahmen Outfits wie beispielsweise eine Orgie in rosa Federn solche Ausmaße an, dass man um den Bestand der weltweiten Straußenpopulation fürchten musste. Nicht nur die Kostüme waren über und über mit Glitzer besetzt, selbst in seinen Wimpern schimmerten Rhinestones. „Schaut es euch ruhig an!“, rief er dann und stieg ins Publikum. „Ihr habt schließlich dafür bezahlt!“ Wahrlich ein Star zum Anfassen. Dabei ließ er auch seine Anzugknöpfe aus echten Diamanten bewundern und zeigte seine Smaragde und Rubine vor, die er an jedem zweiten Finger trug. Das gab den Pianistenkollegen Rätsel auf, da er sie nicht nur bei Spielen anbehielt, sondern auch noch kurze Wurstfinger hatte. Er, und nicht Elvis, war es, der die großen Glitzershows nach Las Vegas brachte. Als die beiden sich kurz vor Elvis‘ Vegas-Premiere dort einmal auf und hinter der Bühne trafen, gab Liberace ihm den Tipp, seinen Glamourfaktor deutlich zu erhöhen. Prompt trat der ab sofort in einem goldenen Anzug auf.

Die Chauffeure waren genauso seine Liebhaber wie seine Bühnenpartner, die als „Protegés“ mit ihm zusammen vierhändig Klavier spielten. Hier berührten sich buchstäblich das öffentliche und das private Leben Liberaces. Homosexualität war seine Achillesferse. In den 50ern war in den extrem prüden USA an ein Coming-out nicht zu denken, es wäre der Todesstoß für jede Karriere gewesen. Als schwuler Künstler konnte man sich dezent bedeckt halten oder aktiv Selbstverleugnung betreiben. Liberace entschied sich für Letzteres, und es ist peinigend, mitanzusehen, wie er mit anzüglichen Blinzeln in die Fernsehkamera schmalzt: „Nothing against the nice old ladies in my audience, but I like the nice young ladies too!“

Hinter den Kulissen allerdings bevorzugte er nice young boys der raueren Sorte, was ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Nachdem er seiner großen Liebe, dem drogenabhängigen Scott Thorson, widerstrebend den Laufpass gegeben hatte, verklagte der ihn 1982 auf Unterhalt. Es war das erste Mal in der amerikanischen Rechtsgeschichte, dass ein solcher Prozess bei gleichgeschlechtlichen Paaren geführt wurde. Thorson verlor, aber das Zwangsouting zog einen riesigen Skandal nach sich. Doch selbst jetzt bestritt Liberace, schwul zu sein, führte diverse Prozesse gegen Zeitungen, die das Gegenteil behaupteten, und gewann. „The Glitter Man“, wie er auch genannt wurde, ein Mann in Chinchilla und rosa Pfauenfedern, war nun gerichtsnotorisch heterosexuell.

Genutzt hat es ihm nichts, denn Mitte der Achtziger wurde gemunkelt, dass er an Aids erkrankt sei. Auch hier verleugnete er sich, und selbst nach seinem Tod wurde die wahre Todesursache vertuscht. Liberace war eine Figur, wie sie die Geschichte des Entertainments nicht schillernder hätte erfinden können: Aufstieg und Fall eines großen Performers, ein Unterhaltungsfacharbeiter, der den Bühnenlook von Männern für immer revolutionierte, ebenso mutig wie feige, konventionell wie experimentierfreudig. Er war lächerlich, aber auch ungewöhnlich originell, manieriert, aber von ansteckender Fröhlichkeit.

Das Lied, das der Mann mit dem berühmten „Liberace smile“ am häufigsten gesungen hat, ging so: „Smile though your heart is breaking.“ Ein sentimentaler Geist könnte dies für den Song seines Lebens halten.

Der Regisseur

JEREMY J.P. FEKETE (Buch & Regie), Jahrgang 1960, Ungar-Schweizer. Aufgewachsen im Kanton Luzern. Neben der schulischen Ausbildung Musikstudium am Luzerner Konservatorium. Umzug nach Florenz. Studium am Istituto per l’arte e il restauro, Palazzo Spinelli zum Restaurator für Gemälde auf Leinwand und Holz. Nach Rückkehr in die Schweiz Studium der modernen Bildhauerei und Malerei an der Hochschule für Kunst und Gestaltung Luzern und der Hochschule für Kunst und Gestaltung Basel. Währenddessen Teilnahmen an diversen Gruppen- und Einzelausstellungen, u.a. Art88 Basel, Kunstmuseum Luzern, Kunsthaus Aargau und Kunsthalle Basel.
Seit 1994 freier Autor und Regisseur. Musik- und Werbevideos für Viva und MTV, Kunst-&-Kultur-Dokumentationen für arte sowie Dokumentationen, Features und Biografien für ZDF und ARD.
Entwicklung der ZDF-Reihe „Idole“ und Erarbeitung eines Porträts über Romy Schneider und ihrer Freundin Christiane Höllger. Entwicklung, Konzeption und Umsetzung diverser arte-Entdeckung-Reihen wie „Schlösserwelten Europas“, „Europas legendäre Straßen – Auf den Spuren der Römer“ und „Bahnhofskathedralen – Europas Reisepaläste“. Buch- und Co-Regie für die 10-teilige arte-Reihe sowie den Film „Tankstellen des Glücks“ mit Friedrich Liechtenstein.
Diverse Aufführungen im Rahmen von Ausstellungen und in Museen sowie zahlreiche Auszeichnungen auf nationalen und internationalen Film- und TV-Festivals. Nominierungen u.a. bei der Deutschen Akademie für Fernsehen, dem Adolf Grimme Preis, den Rose d’Or Awards und dem Deutschen Kamerapreis.
Seit 2015 Grand Jury Mitglied bei den New York Festivals Television & Film Awards, USA.

  • 2004

    „Idole – Romy Schneider“ (TV)

  • 2005

    „Bauen auf Vergangenheit – Ieoh Ming Pei und das Königliche Zeughaus“ (TV)

  • 2008

    „Im Bann des Augenblicks – Der Fotograf Robert Lebeck“ (TV)

  • 2011

    „Das Spiel mit der Erinnerung – Die Bilderwelt des Thomas Demand“ (TV)

  • 2012

    „Ich Udo – Starring Udo Kier“ (TV)

  • 2012-13

    „Schlösserwelten Europas“ (TV) (5-teilige Reihe, mit Gero von Boehm)

  • 2014-15

    „Europas legendäre Straßen – Auf den Spuren der Römer“ (TV) (5-teilige Reihe)

  • 2015-16

    „Tankstellen des Glücks“ (TV) (10-teilige Reihe, mit Friedrich Liechtenstein), „Tankstellen des Glücks – Der Film“ (mit Friedrich Liechtenstein)

  • 2017-18

    „Bahnhofskathedralen – Europas Reisepaläste” (5-teilige Reihe) (TV)

  • 2020

    „Look Me Over – Liberace“ (Kinodokumentarfilm)

Credits

Crew

Buch & Regie

Jeremy J.P. Fekete

Kamera

Rasmus Sievers

Schnitt

Christian R. Timmann

Musik

Carsten Rocker

Casting

Constance Melkonian, Lindsay Hufnagel

Requisite

Lindsay Hufnagel

Archiv

Mareike Vensler

Color Grading

Andreas Hellmanzik

Mischung & Sound Design

Marc Bargmann

Technischer Assistent

Robert Sandow

Tonmeister

Robert Sandow

Grafik

Marie Binning

Produktionskoordination

Christina Mayer

Producer

Lily Raeder-Hopkins, Janina Sara Hennemann

Executive Producer

Julia Sinkowicz

Redaktion

Mechtild Lehning

Produzent

Matthias Greving

eine Produktion von Kinescope Film GmbH
gefördert mit Mitteln der Nordmedia – Film- und Mediengesellschaft/Bremen mbH
und des Deutschen Filmförderfonds (DFFF)

im Verleih von Salzgeber