Über Leben in Demmin

ein Film von Martin Farkas

Deutschland 2017, 90 Minuten, deutsche Originalfassung

FSK 12

Kinostart: 22. März 2018

Über Leben in Demmin

Im Frühjahr 1945 wird Demmin, eine kleine Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, zum Ort einer schrecklichen Tragödie: Während die Rote Armee heranrückt, nehmen sich hunderte Einwohner das Leben. Sie schneiden sich die Pulsadern auf, vergiften oder erschießen sich; Eltern töten erst ihre Kinder und dann sich selbst, ganze Familien gehen mit Steinen beschwert ins Wasser. Bis zum Ende der DDR wird über die konkreten Umstände des beispiellosen Massensuizids geschwiegen, die genauen Opferzahlen der kollektiven Hysterie sind bis heute nicht bekannt. Heute versuchen Neonazis die Leerstelle zu besetzen und für ihre Zwecke zu missbrauchen. An jedem 8. Mai, dem Tag des Endes des Zweiten Weltkriegs, vollzieht sich in Demmin ein gespenstisches Ritual: Neonazis marschieren schweigend durch die Straßen der Gemeinde, in der mehrere Hundertschaften der Polizei Stellung bezogen haben und versuchen, Gegendemonstranten von der Route fernzuhalten. An diesem angespannten Tag verdichten sich hier die Risse innerhalb der deutschen Gesellschaft aufs Äußerste. Mit ihrem „Trauermarsch“ instrumentalisieren die Rechtsradikalen die Erinnerung an die furchtbare Tragödie.

In seinem Film „Über Leben in Demmin“ geht Regisseur Martin Farkas den verborgenen Folgen der Ereignisse nach. Überlebende sprechen zum ersten Mal über die schrecklichen, lange verdrängten Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend. Farkas erkundet, welche Spuren die Traumatisierung und das Schweigen darüber bei den Nachgeborenen hinterlassen haben – und wie tief sie in unsere Gegenwart hineinwirken. Die Stadt wie er sie in diesem genau beobachteten, komplexen und aufrichtigen Film schildert, erscheint tief gespalten. Neben dem Wunsch nach Versöhnung und dem Willen zu einer ehrlichen Aufarbeitung stehen Hass und Feindseligkeit. So eröffnet der Film an diesem exemplarischen Ort einen neuen Blick auf den heutigen, weiterhin schwierigen Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte.

Trailer

Interview
Martin Farkas im Gespräch

Ein Trauma, das Ungeheuer gebiert

Demmin ist ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern mit großer historischer Wucht. Wenn man dort hingeht, anfängt zu graben und wie ein Archäologe die einzelnen Schichten der Vergangenheit bloßlegt, stößt man auf viel Verdrängtes und eine traumatische Geschichte. Der Film zeigt uns diese Schichtungen und Verwundungen. Du kommst nicht aus dem Osten, bist im Allgäu groß geworden. Was hat Dich dazu gebracht, Demmins Geschichte erzählen zu wollen?

Meine Wurzeln liegen sowohl im Osten als auch im Westen. Mein Vater kommt aus Czernowitz und hat den Krieg als Kind und Jugendlicher übel miterlebt. Meine Mutter ist im Westen groß geworden. Ich selbst habe immer eine große Affinität zum Osten gespürt. Am 8. Mai 2013 war ich mit Charly Hübner in Demmin, um dort für seinen Beitrag der rbb-Reihe „16×Deutschland” einen Nazi-Aufmarsch zu filmen und war völlig überrascht von der Veranstaltung, weil sie so ganz anders war als die Naziaufmärsche, die ich sonst kannte. Alles ging ganz ruhig vonstatten, die Stadtbewohner hatten sich zurückgezogen. An diesem Abend haben die Nazis Demmin beherrscht, es gab kaum Widerstand, in der ganzen Stadt herrschte eine sehr komische Atmosphäre. Ich sagte zu Charly: „Wenn wir den Aufmarsch so filmen, wie er gerade abläuft, dann landen wir bei Leni Riefenstahl. Wir dürfen da nicht einfach draufhalten. Wir müssen eigentlich die Gesichter der Nazis zeigen.” Ich bin deswegen mit meiner Kamera direkt in den Marsch rein – und hab dann erstmal auf die Schnauze gekriegt. Dieser Hass und Vernichtungswunsch, der mir da – natürlich auch als Projektionsfigur mit der Kamera – entgegengebracht wurde, hat mich nachhaltig bewegt. Ich hab angefangen zu recherchieren und kam dann auf die Geschichte dieser Stadt.

Was ist das genau für ein Ereignis, auf das sich die Nazis mit diesem „Trauermarsch“ beziehen?

In Demmin ist etwas Ungeheuerliches passiert, was in dieser Dimension einmalig ist. Am 30. April 1945 hatte die Rote Armee Demmin erreicht. Eigentlich sollten die Russen einfach durchfahren und am Abend in Rostock ankommen. Demmin ist nur ein kleiner Ort, aber von drei Flüssen umgeben. Da die abziehende SS hinter sich die Brücken gesprengt hatte, konnten die Panzer der Russen nicht gleich weiter. In dieser angespannten Situation kam es zu sexueller Gewalt. Häuser, in denen Hitlerbilder hingen, wurden angezündet. Und nun kam es in dieser brennenden, von Gewalt erfassten Stadt, zu einer Art hysterischen Massenbewegung: Bewohner, die über die Jahre auch mit extrem viel Propaganda bombardiert worden waren, bekamen so große Angst, dass sie sich selbst umbrachten, dass sie sich ihre Kinder um den Bauch banden und mit ihnen ins Wasser gingen, dass sie sich die Pulsadern aufschnitten. Die Großväter sagten zu ihren Töchtern und Enkeltöchtern: Wenn Du vergewaltigt wurdest, bist Du keine richtige Frau mehr.

Es gab also eine reale Angst vor Gewalttaten, die auch durchaus berechtigt war. Aber man stellt sich doch die Frage: Warum diese Massenhysterie? Was ist da genau passiert? Und warum gerade in Demmin?

Ich habe drei Jahre vor Ort recherchiert und sehr viele Zeugen befragt. Natürlich haben wir auch versucht, die sowjetische Perspektive einzuholen und zu verstehen, und in Archiven in Moskau recherchiert. Unser Ergebnis ist, dass es eine letzte Antwort auf diese Fragen nicht gibt. Dass sich Leute in den letzten Kriegstagen umgebracht haben, weil das System im Zusammenbruch war, an das sie sehr geglaubt hatten – dieses Phänomen gab es in ganz Deutschland. Dazu kam, dass alle Brüder und Väter im Krieg waren. Es drang natürlich durch, was die Deutschen in der Sowjetunion veranstaltet hatten – die ungeheure Gewalt, die auch von der Wehrmacht ausgegangen war, die zahllosen Menschenrechtsverletzungen. Natürlich gab es da auch das Bewusstsein: Es könnte eine große Rache auf uns zukommen. Niemand hat damals in Demmin die Ereignisse aufgeschrieben. Viele der Überlebenden waren noch Kinder und haben jetzt zum Teil zum ersten Mal überhaupt davon erzählt. Wir können die Geschehnisse nicht zu Ende analysieren. Wir müssen sie hinnehmen – als Ursache für eine schwere Traumatisierung dieser kleinen Stadt.

Deine Zeitzeugen sind heute alles betagte Leute. Wie hast Du sie zum Erzählen gebracht? Man darf ja nicht vergessen, dass das Sprechen über die Ereignisse während der DDR Tabu war. Die Soldaten der Roten Armee waren in der offiziellen Darstellung schließlich die Befreier …

Hier spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Es stimmt, was Du sagst: Die Rote Armee, das waren die Befreier, die Freunde. Es ist aber auch so, dass es bei schweren Traumatisierungen zwei Reaktionen gibt. Zum einen das Reden darüber, was einige Frauen auch zunächst gemacht haben – aber nur solange, bis die Männer aus dem Krieg zurückgekommen sind. Die wollten dann meist nicht, dass weiter über die Ereignisse gesprochen wird. Die andere Reaktion ist das Schweigen. Dank der Traumaforschung wissen wir heute, dass auch das durchaus eine gesunde Reaktion ist, weil es manchmal im Wortsinn unerträglich ist, das Geschehen wieder hochzuholen. Das gilt aber nur eine Zeit lang. Wenn das Trauma immer im Schweigen, im Ungewissen bleibt, dann gebiert es Ungeheuer und hat Folgen für die nächsten Generationen. Das war letztlich auch das, was mich am meisten an diesem Thema interessiert hat. Ich dachte mir: Das ist unsere deutsche Geschichte, die ich hier wie im Brennglas angucken kann. Und vor allem ist es eine Geschichte, die uns alle Deutschen angeht. Mich hat nicht vordergründig interessiert, ob es hier um Ostdeutsche geht oder um die Landbevölkerung. Ich hab gemerkt, dass ich hier auch etwas über mich selbst, der ich in der Idylle des Allgäu groß geworden bin und immer einen Hang zu Schwermut hatte und bei Diskussionen oft an Grenzen gestoßen bin, erfahren kann.

Die Berichte Deiner Zeitzeugen sind aber nicht nur Gräuelberichte, sie sind weit differenzierter …

Absolut. Das war für mich auch ganz wichtig: Die Leute, die bereit waren zu erzählen, hatten ihre Wut völlig überwunden. Viele von ihnen hatten auch niemals Rachegefühle entwickelt, weil sie erlebt hatten, dass sie von den Russen aus dem Wasser gezogen wurden, dass ihnen die von den Müttern aufgeschnittenen Arme verbunden wurden. Tatsächlich haben die Russen die Ereignisse in Demmin wohl mitausgelöst – zusammen mit vielen anderen Einflussfaktoren. Aber sie waren eben nicht die Täter, wie es lange die Erzählung war, die dann auch noch unter dem Deckel gehalten wurde. Erst als die Generation der „Täter“ gestorben war, konnten all diese Dinge leichter besprochen werden.

Der Auslöser für Dich war der jährliche Nazi-Aufmarsch in Demmin. Wie erklärst Du Dir, dass es den Rechten bis zu einem bestimmten Punkt gelingt, das Andenken an die Tragödie zu missbrauchen?

Das Fatale ist, dass die Neonazis nach der Wende, als die Geschichte endlich anders besprochen werden konnte und die Erinnerungen an damals hochkamen, die Chance erkannt haben, diese Ereignisse zum Zwecke ihres Geschichtsrevisionismus zu verwenden. Dafür halten sie nun jedes Jahr diesen „Trauermarsch“ ab, immer am Jahrestag des 8. Mai 1945. Organisiert wird er privat, im Hintergrund steht die NPD in Mecklenburg-Vorpommern. Leute aus der ganzen Umgebung reisen dafür an. Natürlich ist das ganz fatal für die Leute vor Ort. Denn sicher ist Trauer angemessen, aber wenn sie derart missbraucht wird, ist es ganz schwierig, damit gut umzugehen.
Es ist auch schwierig, damit filmisch umzugehen. Wie war Deine Herangehensweise an diese große Wunde?
Ich hab angefangen über diese Geschichte zu recherchieren, bevor der Rechtsradikalismus in Deutschland dermaßen aufgepoppt ist, wie wir es in den letzten beiden Jahren erlebt haben. Mittlerweile haben extrem Rechte ja sogar den Einzug in den Bundestag geschafft. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass dieser rechte Rand von irgendwoher gefüttert wurde. In unserer Mitte musste es eine Tendenz geben, die ihn am Leben erhält. Dabei geht es mir immer erstmal darum, etwas zu verstehen, und nicht darum, zu urteilen. Ich sehe mich als einen Erforscher, der wirklich in der Tiefe verstehen möchte. Mit dieser grundsätzlich neugierigen Haltung bin ich auch den Rechten begegnet. Dass ich sie wirklich verstehen wollte, hat viele von ihnen überrascht. Dadurch war die Offenheit bei einigen möglich.

Im Film sieht man auch die andere Seite: die Gegendemon­strationen und die gegen rechts engagierten Bürger. Dann gibt es aber auch die Schwankenden, die Leute im Ort, die keine ganz klare Haltung haben, sich nicht richtig festlegen. Waren das auch für Dich die besonders bewegenden und beunruhigenden Begegnungen?

Haltung zeigen, Haltung suchen, Haltung finden – darum geht’s. Und das ist in so einer kleinen Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern eine ganz andere Nummer als in Berlin, Dresden, München oder Hamburg. In einem so kleinen Ort bin ich mit meiner Haltung ständig konfrontiert und stehe den anderen gegenüber. Und das ist natürlich auch genau der Kern des Problems: Es kann schwere Konsequenzen haben, Haltung zu zeigen.

Du warst über einen Zeitraum von drei Jahren immer wieder in Demmin und hast die Stadt sehr genau beobachtet. Wofür steht sie für Dich?

Für mich ist ganz wichtig: Ich habe in Demmin Freunde gefunden. Ich habe die Gegend und die Stadt wirklich schätzen gelernt. Und ich habe etwas dort sehr Wichtiges verstanden: All die oberflächlichen Urteile, die wir übereinander fällen, und das gegenseitige Aufeinandereindreschen sind total sinnlos, wenn wir nicht versuchen zu verstehen, wo wir herkommen und was unsere Wurzeln sind.

Das Gespräch führte Knut Elstermann.

Hintergrund
Geschichte und Trauma

Heute ist bekannt, dass Frauen und Männer der „Kriegs­kinder-Generation“ häufig an immer wiederkehrenden Blockaden, diffusen Ängsten, dem Gefühl der Heimatlosigkeit, bleiernen Schuldgefühlen oder depressiven Verstimmungen leiden. Häufig treten diese Symptome erst jetzt, zum Ende ihres Lebens auf. Die Betroffenen selbst können sich oft nicht erklären, wo die Probleme ihren Ursprung haben könnten. An der Universität Greifswald hat der Mediziner Prof. Dr. Philipp Kuwert zur „Kriegskinder-Traumatisierung“ und deren Folgen habilitiert. In einem Gespräch erklärt Kuwert, der mittlerweile Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Stralsund sowie Gastherausgeber der Zeitschrift „Trauma & Gewalt” ist und einer engsten wissenschaftlichen Berater des Films war, das Phänomen der „Transgenerationalen Weitergabe“ von posttraumatischen Belastungsstörungen.

Herr Prof. Kuwert, wie entsteht ein Trauma?

Ein Trauma ist ein von außen oder auch von innen kommendes Ereignis, das die seelisch leidlichen Bewältigungskapazitäten eines Individuums zu einem bestimmten Zeitpunkt überfordert. Zwei Drittel der Traumatisierten überstehen das Trauma ohne bleibende Folgen. Einem Drittel aber bleibt das Trauma oder wird sogar noch schlimmer. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sprechen wir dann von einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Und was ist das genau?

Die posttraumatischen Belastungsstörung hat vier charakteristische Aspekte: (1) eine Übererregung, d.h. die Patienten sind überschreckhaft, was in den ersten Tagen nach dem Trauma auch normal ist, aber was sich bei einer PTBS nicht zurückbildet, sondern chronisch bleibt. (2) Die Betroffenen haben lebhafte Wiedererinnerungen an das traumatische Ereignis. Das Kennzeichnende dieser Wiedererinnerungen ist, dass ihnen das Gefühl der Vergangenheit fehlt. (3) Die Betroffenen versuchen diese Flashbacks zu vermeiden, weil sie natürlich beängstigend sind. Dieses Vermeidungsverhalten ist ein wichtiger Aspekt der Diagnostik: Die Betroffenen versuchen, Schlüsselreize zu vermeiden, die an das Trauma erinnern könnten. Das Problem bei der Vermeidung ist wie immer bei krankhaften Ängsten, dass die Vermeidung eine Tendenz hat, sich auszubreiten. Daraus ergibt sich ein weiteres Symptom, (4): eine Gefühlsbetäubung und eine „Einschränkung der Gefühlsbreite“. Die Betroffenen meiden den Kontakt mit lebhafteren Gefühlen. Sie freuen sich nicht übermäßig, sie versuchen aber auch nicht, in übermäßige Trauer zu geraten, weil die unbewusste Befürchtung, die dahinter steckt, ist, dann wieder in die katastrophalen Gefühle aus jener früheren Situation zu geraten, und das ist nicht aushaltbar. Das engt ihren Gefühlsspielraum deutlich ein.

Wie kann sich ein Trauma von der einen auf die andere Generation übertragen?

Der „Krankheitsgewinn“ einer PTBS ist, dass Sie unbewusst vermeiden, erneut in die damaligen katastrophalen Gefühle gestürzt zu werden. Der Preis für Sie und Ihre Umgebung ist der eingeschränkte Gefühlsspielraum. Und das ist die wichtigste Schnittstelle in Bezug auf die nachkommende Generation: Für die Spiegelung der beim Baby entstehenden Gefühlskerne muss die Mutter eine breite Möglichkeit haben, Gefühle selbst erleben zu können, aber auch fremde Gefühle spiegeln, also wiedergeben und diese wiederum regulieren zu können. Die Mutter signalisiert dem Kind, das schreit und noch gar nicht so recht weiß, ob und was es überhaupt für ein Gefühl hat, dass das, was das Kind jetzt gerade empfindet, dieses oder jenes Gefühl sein könnte, und gleichzeitig, dass dieses Gefühl das Kind nicht umbringen wird und es bald wieder erträglicher wird. Das ist das gelungene Wechselspiel zwischen Mutter und Kind. Eine Mutter aber, die massiv traumatisiert wurde, kann das so nicht zur Verfügung stellen. Insbesondere kann sie schwer oder gar nicht beruhigen, weil sie sich ja selbst und ihre Affekten nicht beruhigen kann. Ein Säugling wächst also ohne Beruhigung auf und erkennt nur zwei Zustände: der eine ist Lust und der andere ist Unlust, und bei Unlust wird geschrien. Ausreichend gesunden Eltern gelingt es häufig genug, also sprich in Millionen von Einzelkontakten, die Gefühlsmarkierungs- und Beruhigungsschleife durchzuführen. Dadurch lernt das Kind eine zunehmend breite Gefühlspalette für sich selbst. Zudem entwickelt es das Wissen, dass Gefühle handhabbar, regulierbar sind und, wenn es älter wird, benennbar. Gefühle bleiben nicht endlos lange bestehen, sie gehen wieder. Diese Erfahrungen sind natürlich für Kinder von traumatisierten Eltern nicht so ohne weiteres oder nur eingeschränkt zu machen.

Was ist das Verheerende an einem von Menschen verursachten Trauma?

Ein Trauma, das von Menschen verursacht wurde, also interpersonelle Gewalt, ist immer schlimmer als ein technisches Trauma oder eine Naturkatastrophe. Bei interpersoneller Gewalt, die über einen hereinbricht, verunsichert einen nicht nur die unmittelbare Bedrohung. Gleichzeitig stellt diese Bedrohung das gesamte Menschenbild infrage. Wir gehen normalerweise mit einem Gefühl durchs Leben, dass die allermeisten Menschen, die uns begegnen, uns eher wohlgesonnen, jedenfalls berechenbar sind. Dieses Weltbild wird durch ein von Menschen verursachtes Trauma radikal erschüttert. Die höchste Rate von behandlungsbedürftigen posttraumatischen Symptomen verzeichnen wir bei sexueller Gewalt. Die Häufigkeit einer PTBS nach einer Vergewaltigung – und ich meine hier nicht nur Kriegsvergewaltigung – beträgt etwa 50%, gefolgt von Kriegstrauma und Folter. Die ältere deutsche Bevölkerung hat insgesamt eine Häufigkeit von mindestens sieben Prozent klinisch relevanter posttraumatische Symptome. Das ist sehr viel und ist eine noch heute schmerzende Narbe des Zweiten Weltkriegs.
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Wieso ist es wichtig, sich mit der Kriegstraumatisierung vergangener Generationen zu beschäftigen?_

Ich glaube, dass eine Auseinandersetzung mit diesen Mechanismen heute so wichtig ist, weil wir über das Verständnis der älteren Generation auch besser verstehen, was mit uns heute los ist. Zum einen gibt es viele Angehörige meiner Generation, die in den Möglichkeiten ihrer Gefühlsregulation verletzlich sind. Wir können wissenschaftlich jetzt zeigen, dass das viel mit diesem Thema zu tun hat. Zum anderen ist das deutsche Kriegstrauma ja nicht mal etwas Besonderes. Wenn wir die heutigen Kriegsschauplätze betrachteten, können wir davon ausgehen, dass diese Menschen unter den gleichen Phänomenen leiden. Das Thema Kriegstrauma ist international – und hochgradig relevant zum Verstehen von Nachkriegsgesellschaften, wie beispielsweise Palästina/Israel, oder viele andere mehr.
Zum Trauma- kommt auch noch ein Vermächtnisthema: Die Menschen denken im zunehmenden Alter zurück, bilanzieren. Es ist ja interessant, dass die Kriegstrauma-Diskussion in Deutschland über die sogenannten „Kriegskinder“ aufkam. Andere traumatisierte Gruppen des Zweiten Weltkrieges – explizit die Veteranen, aber auch die Frauen – interessierten lange niemanden. Ich denke, dass das damit zusammenhängt, dass wir Deutschen, mit diesem Thema der unerträglichen Schuld, dass der Krieg von uns ausging, uns schwer tun mit dieser Ambivalenz, Menschen als Opfer von Traumatisierung zu untersuchen, die davor selbst partiell zu Tätern wurden. Die deutschen Soldaten kämen so, quasi vermittelt über die Wissenschaft, in einer Opferposition. Da war die Gruppe der „Kriegskinder“ lange handhabbarer, weil man bei ihnen nicht in den Verdacht geriet, den Holocaust bagatellisieren zu wollen. Man kümmerte sich ja „nur“ um die, die damals sechs oder zwölf Jahre alt waren, die konnten ja nichts für den Krieg. Durch diese Haltung wurde aus meiner Sicht eine noch rechtzeitige Aufarbeitung zu dem Thema „Psychotrauma bei Veteranen“ verhindert. Ausgerechnet meine jüdisch-israelische Kollegin Zahava Solomon hat mich einmal gefragt, warum wir Deutschen nicht auch unsere Soldaten beforscht hätten. Als ich antwortete, dass diese doch auch Täter waren, hat Zahava gesagt: „In the trauma business everbody is the looser“.
Über viele Jahrzehnte gab es in dieser Diskussion bei uns nur Schwarz und nur Weiß, nur Täter und nur Opfer. Und das war auch notwendig. Bei einem sehr versehrten Individuum ist eine solche Art der Schwarz-Weiß-Abwehr eine Überlebensstrategie. Erst wenn man in einer Therapie voranschreitet, kommt man zur Möglichkeit einer sogenannten Ambivalenz-Toleranz. Und je weniger sich die linke Elite dieser Ambivalenz gestellt hat – vermeintlich weil das irgendwie nicht politisch korrekt gewesen wäre, auch darüber nachzudenken, welche seelischen Versehrungen in Deutschland der Krieg angerichtet hat –, umso mehr instrumentalisieren das jetzt die Rechten.
Ängste vor dem Fremden haben archaischen Charakter. Es wird immer einen Kampf darum geben, auf zu schwierige Projektionen zu verzichten, oder gar das auszuagieren, also andere dafür anzugreifen, dass sie Fremde sind. Das Erlangen reiferer Abwehrmechanismen, also die Fähigkeit, darauf zu verzichten, auf andere Menschen oder Gruppen eigene schwierige Anteile zu projizieren, ist ein sehr zerbrechliches Gut, das immer wieder mühsam erarbeitet werden muss. Wir sind alle immer wieder davon bedroht, auf frühere Abwehrmechanismen zurückzugreifen, um uns selbst damit zu stabilisieren.

Warum ist das in Ostdeutschland ein größeres Problem?

Man muss sehen, dass die Ostdeutschen nach der Wende ja nicht in jene soziale Marktwirtschaft gekippt sind, die wir als West-Kinder in den 60ern und 70ern erlebt haben – mit der 35-Stunden-Woche, relativ sicheren Anstellungen und niedriger Arbeitslosigkeiten. Die Ostdeutschen sind nach der Wende direkt in den Neoliberalismus gerutscht, jene durchaus fragwürdige Form des Kapitalismus. Menschen, die äußeren Halt gewohnt waren, hatten auf einmal gar keinen Halt mehr. Die Ostdeutschen mussten in kurzer Zeit eine unglaubliche Anpassungsleistung erbringen. Vor der Wende ging es darum, möglichst wenig aufzufallen; auf einmal ging es darum, unbedingt aufzufallen, um Geld zu machen. Vielleicht kann man sich Demmin wie ein Kaleidoskop vorstellen, wo sich bestimmte Dinge verdichten.
Die am stärksten Betroffenen der Ereignisse sind dabei schon lange tot – denn extrem mit posttraumatischen Symptomen Belastete sterben statistisch auch früher. Übrigens nicht nur durch psychische Faktoren wie Suizidalität oder Suchterkrankungen (Alkoholismus, Zigarettensucht). Schwere Traumatisierungen erhöhen auch das Risiko von Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie erwischen nur die Widerstandsfähigsten, die anderen sind schon verstorben.
Die soziale Anerkennung als Trauma-Überlebender kann übrigens ein zentraler Heilungsfaktor sein. Es ist wichtig, dass traumatisierte Menschen Anerkennung erhalten: durch das nahe Umfeld, also Partner, Familie, Kinder, aber auch durch die Gesellschaft. Und bei letzterem sind Sie als Dokumentarfilmer ebenso eine Instanz der Anerkennung wie ich als Wissenschaftler.

Biografie

Martin Farkas wird 1964 geboren, wächst im Allgäu auf. Nach dem Abitur reist er um die Welt und arbeitet an mehreren Dokumentarfilmen mit. Zurück in Deutschland studiert er Sozialpädagogik mit Schwerpunkten in Soziologie und Psychologie. Als junger Regisseur dreht er mehrere preisgekrönte Videokunst-Filme und Werbespots. Ab Anfang der 1990er Jahre arbeitet er als Chefkameramann, zunächst für Dokumentar-, später auch für Spielfilme.

Er dreht mehrfach mit Dominik Graf und ist u.a. Kameramann für dessen Dokumentarfilme „München – Geheimnisse einer Stadt“ und „Lawinen der Erinnerung“. Für Grafs Spielfilm „Am Abend aller Tage“ ist Farkas für den Grimme-Preis nominiert. Für den Dokumentarfilm „A Woman and a Half – Hildegard Knef“ wird er ebenso für den Deutschen Kamera­preis nominiert wie für den Krimi „Der Tote im Spreewald“. Bei dem Dokumentarfilm „Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad“ führt Farkas – zusammen mit Matthias Zuber – zum ersten mal Regie. Seine zweite Regiearbeit, gemeinsam mit Dominik Graf, ist der Dokumentarfilm „Es werde Stadt!“, der den Preis der Deutschen Akademie für Fernsehen erhält. „Über Leben in Demmin“ ist Farkas’ dritte Regiearbeit.

Filmografie (Auswahl):

  • 2000

    „München – Geheimnisse einer Stadt“ (Kamera)

  • 2002

    „A Woman and a Half – Hildegard Knef“ (Kamera)

  • 2003

    „Georgisches Liebeslied“ (Kamera)

  • 2004

    „Tatort – Stirb und werde“ (Kamera)

  • 2005

    „Tatort – Borowski in der Unterwelt“ (Kamera)

  • 2007

    „Draussen Bleiben“ (Kamera) · „Türkisch für Anfänger“ (Kamera)

  • 2009

    „Deutsche Seelen“ (Regie zusammen mit Matthias Zuber & Kamera)

  • 2009

    „Spreewaldkrimi: Der Tote im Spreewald“ (Kamera)

  • 2010

    „Morgen das Leben“ (Kamera)

  • 2011

    „Polizeiruf 110 – … und raus bist du!“ (Kamera) · „Tatort – Herrenabend“ (Kamera) · „Polizeiruf 110 – Feindbild“ (Kamera)

  • 2012

    „Lawinen der Erinnerung“ (Kamera) · „Gestern waren wir Fremde“ (Kamera) · „Polizeiruf 110 – Einer trage des anderen Last“ (Kamera)

  • 2014

    „Es werde Stadt!“ (Regie, Buch zusammen mit Dominik Graf & Kamera)

  • 2015

    „Polizeiruf 110 – Sturm im Kopf“ (Kamera) · „Schwarzach 23 und die Hand des Todes“ (Kamera) · „Fassbinder“ (Kamera)

  • 2016

    „Am Abend aller Tage“ (Kamera)

  • 2017

    „Wildes Herz“ (Kamera) · „Über Leben in Demmin“ (Regie & Buch)

  • 2018

    „Familie Brasch (Kamera) · „Tatort- Zeit der Frösche“ (Kamera) · „Unterwerfung“ (Kamera)