Bald wieder im Kino

Im Stillen laut

ein Film von Therese Koppe

Deutschland 2019, 74 Minuten, deutsche Originalfassung

FSK 0

Im Stillen laut

Erika und Tine sind beide 81 und seit über 40 Jahren ein Paar. Zusammen leben und arbeiten sie auf dem Kunsthof Lietzen in Brandenburg – und blicken auf ein bewegtes Stück gemeinsame Geschichte zurück. Mit ihrer Neugier und Offenheit stellen Erika und Tine alles in Frage, das Vergangene und das Bestehende.

Therese Koppes vielschichtiges dokumentarisches Porträt ist ein Film über das Leben, die Kunst und selbst geschaffene Freiräume in der DDR, über Liebe im Alter und die Frage, wie man sich und seinen Idealen treu bleiben kann.

Trailer

DIRECTOR’S NOTE
THERESE KOPPE ÜBER IHREN FILM

„Im Stillen laut“ entstand aus der Idee heraus, einen Fokus auf die Vielseitigkeit des Kunstschaffens in der DDR zu legen. Dabei war es mir von Anfang an wichtig, persönliche Geschichten von Frauen in den Mittelpunkt zu stellen, die, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen in der DDR, meist nur wenig Aufmerksamkeit erhielten. Frauen, die mit Kreativität und Eigenwilligkeit ihren Ansprüchen konsequent nachgingen und weiterhin nachgehen – in der Kunst, ebenso wie in ihrer Lebenseinstellung. Mit Erika und Christine habe ich während meiner Recherche zwei Frauen kennen gelernt, die sich in ihrer Liebe füreinander, ihrer schöpferischen Individualität und ihrem Glauben an künstlerische Selbstbestimmung und Freiräume, trotz politischer Umstände, treu geblieben sind. Mir war es wichtig, einen Dokumentarfilm zu machen, der die Nuancen des Lebens in der DDR zeigt, und dadurch die Komplexität der Auseinandersetzung mit dem System verdeutlicht. Nicht nur den lauten Protest, sondern die Gestaltung eines Lebens in einem eigenen, geschaffenen Raum wie dem Kunsthof Lietzen. Der Kunsthof kann dabei stellvertretend für die vielen künstlerischen Freiräume, die sich Leute in der DDR schufen, stehen.

Erika und Christine inspirieren mich in ihrer Art und Weise auf das Leben zu schauen. Mit heute 81 Jahren befragen sie immer wieder in einer lebendigen und selbstkritischen Betrachtung die gesellschaftlichen Entwicklungen um sie herum – ebenso wie ihre eigene Geschichte. Ich traf die beiden vor vier Jahren auf dem Kunsthof in Lietzen bei einer Recherchereise. Ihr offener, kritischer und humorvoller Umgang miteinander hat mich von unserem ersten Treffen an fasziniert. Seit diesem Tag an haben wir viel Zeit zusammen verbracht und gemeinsam viel diskutiert. Der Film entstand mit meiner Kamerafrau Annegret Sachse und meiner Tonfrau Billie Jagodszinska in einem sehr kleinen Team. Über ein Jahr hinweg wohnten wir für den Dreh über längere Zeiträume mit Erika und Christine in Lietzen.

MITEINANDER GEHEN
VON CHRISTINE MÜLLER-STOSCH

Als ich Erika Stürmer-Alex 1972 kennenlernte, war ich der Meinung, alle Menschen, die bildende Kunst studiert haben, seien Genies. Das hatte zur Folge, dass ich mich ihnen jeweils mit einer „Ehrfurcht“ näherte, die sicherlich – von außen betrachtet – etwas seltsam wirkte. Dabei wagte ich mich ab und an auch an Farben und Papier, aber – wer war ich denn, dass ich mich solches traute …? So weit so schräg. Schwierig war unsere Begegnung dann aber gar nicht. Wir redeten bis in die Nacht hinein und dann weiter und weiter. Schließlich haben wir uns für eine Lebensgemeinschaft zusammengetan. Die nächsten Jahre führten mich – während ich weiterhin in Berlin als Verlagslektorin tätig war – von Woltersdorf aus, dem Wohnort von Erika, in verschiedene Häuser ihrer Heimat im Oderbruch (Güstebieser Loose und Ortwig), in denen wir gemeinsames Arbeiten und Leben mit jungen Menschen ausprobierten. Diese kamen anfangs aus dem Malzirkel, den Erika im Kulturhaus Rüdersdorf leitete und an dem auch ich bald regelmäßig teilnahm. Um dem Stillstand in der Kulturpolitik der DDR und der um sich greifenden banalen Spießigkeit etwas entgegenzusetzen, schufen wir uns an den Wochenenden und an Urlaubstagen unter dem weiten Himmel in den jeweils einzeln und abseits gelegenen Gehöften einen Freiraum, in dem wir uns gegenseitig stärkten – mit Malen, Zeichnen, Fotosessions, Performances, Musik hören (ja, auch Biermann!). Und mit vielen Gesprächen. Dabei zeigte Erika ihre große Begabung als Lehrerin. Wenn sie Korrektur gab, geschah dies immer im verstärkenden Sinne. So konnte Vertrauen wachsen, und über das künstlerische Arbeiten hinaus begaben wir uns gemeinsam in einen schöpferischen Denk- und Gestaltungsraum, der sich für einige aus der Gruppe bis heute als lebensbegleitend erweist.

Die räumliche Enge des Hauses in Ortwig-Graben, die eine Arbeit an großen Formaten unmöglich machte, führte schließlich dazu, dass Erika ein großzügiger dimensioniertes Haus suchte. Inzwischen hatte sie Aufträge für Plastiken im öffentlichen Raum – für das Neubaugebiet in Frankfurt (Oder) – bekommen. Mit der ihr eigenen Konsequenz begab sie sich in das Abenteuer und begann nach einem neuen Refugium zu suchen: entweder ein Loose-Gehöft am Dorfende oder am Dorfanfang (und das möglichst ohne Nachbarn!). Suchhilfe war: wo laufen keine Hühner, wo hängt keine Wäsche…? Oft war ich mit dabei. Es mag wie ein Spaß klingen, jedoch ging es um die Existenz, um einen Platz, der für ein Leben und für die Arbeit einer Malerin und Bildhauerin ausreichen sollte. Dass schließlich der Hof in Lietzen dieser Ort wurde – damals ruinös und verwildert -, erscheint uns heute manchmal noch wie ein Wunder, auch wenn seine Umgestaltung zu einem wohnlichen Lebensraum mit viel Arbeit und mancher Unbequemlichkeit verbunden war.

Die Verwurzelung in der ländlichen Umgebung und große Räume gehören für Erika zu den Grundbedingungen ihres künstlerischen Schaffens. Die körperlich schwere Arbeit an den Großplastiken in den achtziger Jahren auf dem noch zerschrundeten Hof, der erst ganz allmählich eine geordnete Gestalt annahm, brachte Geld ins Haus. Es wurde teuer erkauft durch den die Lunge schädigenden Kontakt mit Giftstoffen und dem Schleifstaub, welcher mit der Verarbeitung von Polyester und den farbigen Bootslacken verbunden war. Auf der anderen Seite konnte Erika hier ihre bildhauerischen Qualitäten und den Mut zur Farbe vor Augen führen. Und sie konnte etwas für die Bewohner der Neubaugebiete tun, die in ihrem eintönig gebauten farblosen Stadtquartier heitereren, phantasievollen Zeichen begegneten: der Frau mit dem Vogel auf dem Kopf, der sternenübersäten Eule, dem wuchtig-gedrungenen Waldschrat und vielen anderen Arbeiten im Außenraum. An dieser Stelle wird ein Aspekt ihrer Arbeit deutlich, der in meinen Augen eine Besonderheit darstellt, möglicherweise unterstützt durch Erikas Sozialisation in der DDR. Es machte ihr Freude, wenn Menschen mit ihren Bildzeichen leben; wie eben auch mit ihren Plastiken in Frankfurt (Oder) und später in Eisenhüttenstadt. Es bedeutete für sie eine große Befriedigung, ihre stark farbigen Plastiken für die Bewohner der Neubauten in das vorherrschende Grau zu setzen. Ebenso galt das für die Patienten und Angestellten des Werner-Forßmann-Krankenhauses Eberswalde und für die Wasserwerker des Klärwerkes Frankfurt (Oder) im Hinblick auf die Plastiken Schutzgöttin und Angsttier und Karl der Ritter der Abwasser.

Sehr wichtig für Erikas künstlerische Entwicklung war, dass sie 1978 – in Form einer ersten Studienreise durch den VBK (Verband Bildender Künstler der DDR) – eine Reise nach Paris beantragen konnte und bewilligt bekam. Die Tage dort haben ihr in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet. Glückliche Stunden im Centre d’Art Georges Pompidou, im Picasso-Museum usw. verbanden sich aber auch mit der Erkenntnis, dass es die Künstler in der französischen Konsumgesellschaft sehr schwer hatten. Es schien ihr so, dass man sie nicht brauchte. Erika aber fühlte sich in der DDR gebraucht und kehrte auch vor allem deshalb wieder zurück.

Es ging und geht ihr weniger darum, berühmt zu werden, als vielmehr darum, dass Betrachter ihrer Werke ein sinnliches Erlebnis haben und aus der eigenen Anschauung eine Einsicht gewinnen, die im besten Fall zu einer Begegnung mit sich selbst führt. Sei es die Dame in Wut, eine Arbeit aus der Serie Collageplastiken aus Plasteteilen, die eine der Ironie nahe Heiterkeit ausstrahlt, oder sei es das riesige Tortenstück Titanic, das in mir jedes Mal ein Grausen auslöst – wann immer ich es anschaue. Das buchstäbliche Steckenbleiben im Tortenstück Titanic des Wohlfühlmodus ist hier ein Gleichnis für die Erwartungshaltung vieler Zeitgenossen im Hier und Jetzt an ihr Leben: bequem und reich, aber eben auch verantwortungslos im Verbrauch von Ressourcen – bis zum absehbaren Untergang.

Erika vermittelte sowohl in ihrer Kunst im Rüderdorfer Kulturhaus als auch später während der jährlichen Malwochen auf dem Hof in Lietzen eine unbedingte Wahrhaftigkeit im Kunstmachen. Das geschah wie nebenbei, gekoppelt an die Vermittlung von verschiedenen Techniken der bildnerischen Arbeit. Dazu gehörte auch eine Art der Kommunikation, die von Spielfreude und einer nicht bewertenden Offenheit geprägt war. Die Schlachtenmalerei, die bürgerlich-konservative „Machtkunst“ mit ihrer Darstellung von Heldentum einerseits und verklärendem Idyll andererseits waren endgültig vorbei. Die moderne Kunst war aus jedweder Ideologie ausgetreten, das machte Erika uns in kleinen Vorträgen aus der Kunstgeschichte deutlich. Das hieß auch für uns Laien: ich male, wie ich sehe, fühle ganz subjektiv und unmittelbar, und gelange möglicherweise so zur Abstraktion. Dabei begegne ich mir selbst auf eine ganz neue Weise, lerne vielleicht Bereiche in mir kennen, die ich bisher beiseitegeschoben und verdrängt habe.

Gespräche über Hoffnungen, Lebenspläne, über den Glauben, über den gelingenden Umgang miteinander, über Möglichkeiten, sich in verschiedenen Bereichen auszudrücken, gehörten selbstverständlich dazu. Wir probierten uns aus in Theaterszenen, in Performances, trommelten und spielten auf allerlei Percussions-Instrumenten, und am Ende mancher erfüllten Malwoche stand eine gemeinsam gebaute und dann in Brand gesetzte Feuerplastik. So bildeten wir im Laufe der Zeit eine Lerngemeinschaft mit manchmal wechselnder Besetzung. Wir übten in Worte zu fassen, was nicht unbedingt offen und leicht zugänglich zutage lag. Wechselseitig profitierten wir alle davon. Ab und an gelangte auch psychologische Literatur aus dem Westen über die Grenze. Da ich über fünf Jahre lang an einer kirchlich organisierten Gruppe „Erlebnisorientierte Selbsterfahrung“ teilnehmen konnte, lernte ich aber schon früher neue Formen der Kommunikation kennen und gab dies auch gern weiter. Viele abendliche Gesprächsrunden wurden dadurch zu „Weiterbildungsveranstaltungen“ bzw. zu Vortragsabenden.

Erika sagte einmal: „Kunst hat mehr mit Religion zu tun als mit dem Handel.“ Kunst ist dem Geist zugehörig. Mit Religion und Geist kann umschrieben werden, was nicht rational fassbar, nicht gegenständlich erfahrbar ist, sondern eingebettet ist in die jüdisch-christliche Tradition, in der sich Erika Zeit ihres Lebens zuhause fühlt. Auch in der DDR waren wir frei, uns in dieser Glaubenstradition zu bewegen und daraus unsere schöpferischen Energien zu speisen. Daran zu glauben, dass das urbiblische Gebot der Gottes- und der Menschenliebe Feindschaft, Gewalt, Hass und Menschenverachtung überwinden kann.

Auch das Kunstmachen kann sich, wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise, auf diesen guten Geist beziehen. Dann kann Kunst Nahrung für die Seele sein. Diejenigen Künstler, die sich einer Ideologie verweigern, können zum Kern der Dinge vordringen, eine Wahrheit postulieren, die den Betrachter ergreift. Ich denke, dass Erika schon früh einen solchen inneren Weg gegangen ist und noch geht.

Auch wenn sie viele Jahre während ihres Lebens und Arbeitens in der DDR nur wenige Möglichkeiten zu Ausstellungen und Verkäufen hatte, bewahrte sie sich doch immer ihre Spielfreude, ihre künstlerische Neugier und den Mut zum Ausprobieren. Dabei hat ihr auch der Umgang mit jungen Menschen geholfen, die mit ihrer Lern- und Lebensfreude Energie an Erika weitergaben, aber auch das gemeinsame Arbeiten mit gleichaltrigen Kollegen aus dem Künstlerverband der DDR. Nach der Wende konnte solche Zusammenarbeit dann endlich in professioneller Weise möglich werden. Studienreisen, Aufenthalte als Stipendiatin und die kontinuierlichen Sommerwerkstätten mit den Künstlerinnen des Vereins „Endmoräne“ erweiterten die Arbeitsfelder, ermöglichten eine Wirksamkeit über die Landes- und Hofgrenzen hinaus. Es gab viel zu tun, und so viele Türen standen auf einmal offen! Ich erinnere mich deutlich daran, dass besonders in den Jahren 1992-1995 die Tage so mit Arbeit angefüllt waren, dass wir beide oft an der Grenze unserer Kräfte agiert haben. Da ich 1991 meine Arbeit verloren hatte und Erika nicht wusste, ob sie jemals wieder einen öffentlichen Auftrag erhalten würde, entschlossen wir uns, gemeinsam mit Freundinnen des Hofes, den Verein „Frauenarbeitskreis Lietzen e.V.“ zu gründen. Dahinter stand die Absicht, den Hof für ein neues Arbeitsfeld zu öffnen, das sich angesichts der grassierenden Arbeitslosigkeit vor allem älterer Frauen in Brandenburg – und darüber hinaus – anbot. Mit Hilfe der Vereinsarbeit konnte dann das Projekt „Kreativ leben lernen“ auf den Weg gebracht werden. Anträge beim Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie in Potsdam wurden gestellt, und es gelang so, vorerst die Finanzierung von Sachmitteln – also vor allem Stühle und Betten, Wäsche und Arbeitsmaterialien – zu gewährleisten. Zwei Ställe wurden zur „Sommerküche“ und zum Duschraum mit WC umgebaut.

Zu dritt haben wir dann drei Jahre lang Seminare für „Frauen in der Lebensmitte“ angeboten. Es wurde gemeinsam gemalt, und es entstanden Bilder mit farbigen Erden, Collageplastiken, Webarbeiten. Wir erkundeten die Landschaft mit sachkundiger Führung, legten Lebenslinien mit rotem Faden und fragten nach den Sieben-Jahres-Schritten unseres bisherigen Lebens. Außerdem fanden Frauen aus Westberlin im Kunsthof Lietzen einen Ort, um Begegnungen zwischen Ost und West zu erleben. Im Rückblick empfinden wir diese Jahre als eine gute Zeit, jedoch haben wir uns dabei oft selbst überfordert, denn wir waren für die eigentliche Arbeit im Hintergrund all dessen nach wie vor nur zu dritt: das Haus in Ordnung halten, im Winter heizen, einkaufen und kochen, die jeweils drei oder fünf Seminartage vorbereiten und gestalten, nacharbeiten, den Kontakt mit den Gästen halten, Buch führen, rechnen … Es sind aber auch während dieser Zeit erstaunliche Werke entstanden. Die meisten Teilnehmerinnen an den Kursen hatten das letzte Mal in ihrer Schulzeit gemalt, gezeichnet, sich bildnerisch betätigt. Oft sind Frauen gestärkt und mit einem neuen Selbstvertrauen abgereist – eben weil sie die Gelegenheit hatten, sich auszudrücken und auszutauschen. Es existierten vor allem keine Vorgaben, sie konnten ihre eigene Wahrheit finden und diese oft erst anhand ihrer Arbeiten erkennen. Dies war immer wieder auch für uns als Seminarleiterinnen ein bewegendes Erlebnis.

Wenn ich mir die Liste von Erikas Ausstellungen, ihrer Studienaufenthalte und die neu entstandenen Werke seit 1992 anschaue, frage ich mich, wie sie das alles geschafft hat. Freilich frage ich mich das selbst auch im Rückblick auf diese Jahre. Ich habe den Hof gehütet, wenn Erika unterwegs war, und habe als Gastgeberin und Ansprechpartnerin für viele Gruppen fungiert. Außer für die Seminarteilnehmerinnen haben wir Haus und Hof auch für andere Frauengruppen geöffnet: Es fanden Treffen von Musikerinnen statt, und die Künstlerinnen des Vereins „Endmoräne“ arbeiteten etliche Jahre in Lietzen. Es kamen aber immer wieder auch zum Beispiel Selbstverteidigungsgruppen aus Berlin, Trommlerinnen aus Leipzig und lange Jahre eine Künstlerinnengruppe aus Stuttgart, die sich mit Brandenburger Künstlerinnen über zehn Jahre allsommerlich zu einer Plenarwoche trafen. Es war unser Anliegen, unseren großen und besonderen Ort für Menschen offen zu halten, die in der Ruhe und Stille der Landschaft Zeit für sich selbst gewinnen und/oder gemeinsam arbeite wollten. Im Laufe dieser Entwicklung war es deshalb ein Entscheidungsprozess für uns, in größter Klarheit und mit aller Konsequenz dabei zu bleiben, die Beherbergung so vieler Gäste auch in Zukunft nicht kommerziell zu betreiben.

Ihre Kraft bezog und bezieht Erika weiterhin aus der Gemeinschaft des kreativen Miteinanders wie aus der Erde unter ihren Füßen, zu der sie jedes Mal nach Ausflügen in die weite und nahe (Kunst-)Welt zurückkehren konnte. Auf dem gelben Becher mit dem Zuckerrübensirup, den wir oft zum Frühstück essen, befindet sich ein aufgedrucktes Foto, das Erika gern anschaut. Das Bild zeigt ein Feld unter einem großen Himmel. Wir sehen Furchen, in denen etwas wachsen wird – die Burg am Horizont denken wir uns mal weg -, und dann haben wir eine Landschaft wie das Oderbruch. In genau einer solchen Landschaft liegen ihre Wurzeln. Oft hat sie in den achtziger Jahren gesagt, sie wolle „Kunst und Leben verbinden“. Inzwischen sind ihr künstlerisches Anliegen, die geistige Beweglichkeit und das Alltagsleben auf dem Hof so ineinander verschränkt, dass es kein separates Nebeneinander mehr gibt – sollte es das je einmal gegeben haben. Und auch die Unbequemlichkeiten, die das Leben in einem alten Haus auf dem Acker mit sich bringt, gehören ganz selbstverständlich dazu. Wie der Blick zum Himmel, wenn die Gänsescharen rufend über den Hof fliegen, während Erika gerade den Eimer mit Holz ins Haus trägt.

geschrieben 2018
aus: Erika Stürmer-Alex, Werke 1962-2018, Lukas Verlag, 2018

Biografien

THERESE KOPPE (Regie/Buch/Produzentin) wurde 1985 in Berlin-Friedrichshain geboren. Nach ihrem Studium der Soziologie und Filmwissenschaft (2011) arbeitete sie als Regieassistentin am Theater. Über das Leonardo-Da-Vinci-Programm war sie 2011 für mehrere Monate beim Filmfestival Documentarist – Documentary Days in Istanbul tätig. Ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung brachte sie 2012 für einen Master in Documentary Practice nach London, den sie mit ihrem kurzen Dokumentarfilm „All Points North“ (2013) abschloss. Er feierte 2013 seine Premiere beim Which Human Rights? Filmfestival in Istanbul. Therese arbeitete seitdem für diverse Kunst- und Kulturprojekte im In- und Ausland (u.a. für die Ausstellung „77#13 – Politische Kunst im Widerstand in der Türkei“ der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) in Berlin und der Türkei). Seit 2015 studiert Therese im Master Dokumentarfilm Regie an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Neben ihrer Arbeit als Regisseurin unterrichtet Therese als Dozentin Dokumentarfilmtheorie und -praxis, zuletzt an der London Southbank University (2018-2019). Im Filmbildungsprogramm Cinema en Curs leitet sie als Filmemacherin Dokumentarfilm-Workshops für SchülerInnen. Für die Entwicklung ihres Debütfilms „Haunting Heimat“ (AT), ein Portrait zweier namibischer Frauen und ihrer Perspektive auf das Erbe deutscher Kolonialherrschaft, erhielt sie mit ihrer Ko-Autorin Lisa Skwirblies 2019 die Grenzgänger-Rechercheförderung des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) und der Robert-Bosch-Stiftung.

Filmografie

  • 2013

    „All Points North“ (Kurz-Dok.)

  • 2018

    „Herr und Frau Dettmann“ (Kurz-Dok.)

  • 2019

    „Im Stillen laut“ (Dok.)

  • 2020

    „Haunting Heimat“ (AT) (in Entwicklung)


ERIKA STÜRMER-ALEX

  • 1938

    in Wriezen geboren

  • 1958-63

    Studium Malerei, Grafik und Kunst am Bau an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee

  • 1963-

    Wohn- und Arbeitsort in Woltersdorf/ Erkner

  • 1970-87

    Kursleiterin für Malerei und Grafik

  • 1975

    Erweiterung der Malerei und Grafik zur Collagenplastik und architekturbezogenen Plastik Studienreisen nach Ungarn, Russland, Rumänien, Polen, Jugoslawien, Paris

  • 1982

    Erwerb eines Gehöftes in Lietzen Kreis Seelow als Arbeits- und Wohnort

  • 1983-

    Leitung alljährlicher Kurse Malerei, Grafik, Collage in Lietzen

  • 1991

    Mitgründerin “Endmoräne-Künstlerinnen aus Brandenburg und Berlin e.V.”, Teilnahme am Koertenhof-Plenair (Niederlande)

  • 1992-95

    Kursleiterin im Projekt “Kreativ Leben Lernen”, Dozentin an der Musik- und Kunstschule Frankfurt (Oder)

  • 1992

    Förderpreis des Landes Brandenburg

  • 1993/94

    Studienaufenthalte in London, Rom (Ehrengästin der Villa Massimo)

  • 1996

    Studienaufenthalt und Leitung eines Symposiums in Brasilien

  • 1996

    Wiederaufnahme der Arbeit für Kunst am Bau

  • 2001

    Arbeitsstipendium im Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf der Stiftung Kulturfonds

  • 2004

    Ostbrandenburgischer Kunstpreis der Märkischen Oderzeitung

  • 2007

    Stipendium der Ostdeutschen Sparkassenstiftung

  • 2014

    Kunstpreis der Loscon-Kulturstiftung für Ostbrandenburg

  • 2015

    Brandenburgischer Kunstpreis, Ehrenpreises des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg für ein Lebenswerk


CHRISTINE MÜLLER-STOSCH

  • 1938

    in Haynau/Schlesien geboren, Vater: evangelischer Pfarrer in dem niederschlesischen Dorf Altenlohm/Stary Lom (von Geburt an ererbte Schwerhörigkeit)

  • 1945

    (Feb.) Flucht mit der Mutter und 1944 geborenem Bruder, gestrandet in Moßbach/Thüringen

  • 1947

    Rückkehr des Vaters aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft

  • 1949

    Aschersleben/Sachsen-Anhalt

  • 1952

    Entlassung aus dem Bildungssystem der D D R mit der 8. Klasse

  • 1954

    Bertha-v.Suttner-Oberschule Berlin-Wedding (Westberlin)

  • 1956

    Kirchliches Proseminar Naumburg/Saale (führte nach 3 Jahren zu einem kirchlichen Abitur)

  • 1959

    Studium der Theologie: Kirchliche Hochschule Naumburg/Saale

  • 1961

    Kirchliche Hochschule Berlin-Zehlendorf (Westberlin, bis 13. August) und Sprachenkonvikt der Evangelischen Kirche Berlin-Mitte

  • 1965-91

    Lektorin, Autorin und Herausgeberin in der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin (Zentralverlag der evangelischen Kirchen in der D D R)

  • 1982

    Ausbau des Kunsthofes Lietzen gemeinsam mit Erika Stürmer-Alex zu einem Arbeitsraum (für die freischaffende Künstlerin E.St.-Alex) und zu einem Lernort auch für Gäste (Sommerwerkstätten, Aktionen, Feste)

  • 1991

    Mitbegründerin des Vereins „Frauenarbeitskreis Lietzen e.V.“

  • 1992-96

    Projekt- und Seminarleiterin des Projekts „Kreativ leben lernen“ – Seminarangebot für Frauen in der Lebensmitte

  • 1991

    Mitbegründerin des Vereins „Endmoräne – Künstlerinnen aus Brandenburg und Berlin e.V.“

  • -2000

    Teilnahme an Sommerwerkstätten des Vereins

  • -2016

    Arbeit u.a. als Gastgeberin für Seminargruppen im Kunsthof Lietzen


Credits

Crew

Buch & Regie & Produzentin

Therese Koppe

Bildgestaltung

Annegret Sachse

Montage & VFX

Evelyn Rack

Produktionsleitung

Marie-Luise Wagner

Set-Ton

Billie Jagodzinska

Tonschnitt & Sound Design

Irma Heinig

Mischung

Bertold Budig

Filmmusik

Irma Heinig

Grading

Juan Gonzalez Alvarez

mit Unterstützung durch die Landesbeauftragte für die Gleichstellung von Frauen und Männern im Land Brandenburg, Gleichstellungsreferat Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

eine Produktion der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

im Verleih von Salzgeber