Selamlik

von Khaled Alesmael

Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 250 Seiten

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Selamlik

Furat ist als eines von sechs Geschwistern in einer gutbürgerlichen Familie in Syrien aufgewachsen. Den Tod von Diktator Hafiz al-Assad erlebt er 2000 im Studentenwohnheim von Damaskus gemeinsam mit seiner ersten großen Liebe. Beharrlich erkundet er die “heimliche Revolution”, das verborgene Leben homosexueller Männer in Damaskus, ihre Parks, Saunen und Pornokinos. Der Terror des Bürgerkriegs trifft die Schwulen gleich doppelt: Rebellen machen gezielt Jagd auf “die Leute von Lot”, stürzen sie von Hochhäusern in den Tod. Als das Haus der Familie in die Schusslinie gerät, macht sich Furat auf den Weg nach Norden. Auf der Flucht und im schwedischen Asylbewerberheim begegnen ihm seine arabischen Landsleute weiterhin mit unverhohlener Homophobie. In seinem Zimmer mit Blick auf den Friedhof von Åseda beginnt Furat, die Geschichte seines Lebens aufzuschreiben.

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ÜBER DEN AUTOR

Khaled Alesmael wurde als Sohn eines syrischen Vaters und einer türkischen Mutter in Deir Ezzor, Syrien, geboren. Er studierte an der Universität Damaskus englische Literatur und arbeitete als Journalist in verschiedenen Großstädten Europas und des Nahen Ostens; für die taz in Berlin schrieb er über syrische Flüchtlinge in Deutschland. Seine journalistische Arbeit wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. 2014 beantragte er Asyl in Schweden und lebt dort heute als schwedischer Staatsbürger. Sein Debütroman “Selamlik” wurde 2018 in Schweden erstveröffentlicht; sein Hörstück “En tygväska med damaskustryck“ (“Damaskus in einem Stoffbeutel”) gewann den schwedischen Rundfunk-Literaturpreis.
www.khaledalesmael.com

NEUN FRAGEN AN DEN AUTOR

Khaled, wie würdest du „Selamlik“ in eigenen Worten beschreiben?
Es ist ein politischer, erotischer Roman, der darauf abzielt, Syriens Machthaber zu konfrontieren und ihre Machenschaften der Welt mitzuteilen.

Du verarbeitest in dem Roman auch deine eigenen Erlebnisse auf der Flucht von Damaskus nach Stockholm. Furat ist also beides – erfundene Figur und Alter Ego. Fällt es leichter, eigene Erfahrungen über einen fiktionalen Charakter zu offenbaren?
Sagen wir es so: Furat und die anderen Figuren im Buch sind fiktiv, aber die Geschichte ist wahr.

Im Buch reflektiert Furat verschiedene Formen des Fremdseins – als schwuler Mann in einer homophoben Gesellschaft ebenso wie als Einwanderer in der Fremde. Sind Queer-Sein und Flüchtling-Sein vergleichbar?
Ja. Arabische und muslimische queere Männer werden quasi als Flüchtlinge geboren. Sie können nie einer Gesellschaft angehören, die sie als nicht legitim betrachtet.

Wie würdest du die Situation queerer Flüchtlinge aus Syrien in Bezug auf Fluchtursachen beschreiben?
Die unerwartete Enttäuschung kam, als die Revolution in einen Bürgerkrieg mündete und extremistische Gruppen auftauchten, die die Forderungen nach Freiheit manipulierten, um eine ultrakonservative Gesellschaft aufzubauen. Das war der Moment, in dem die LGBTQI-Community merkte, dass ihr Konflikt mit der syrischen Gesellschaft genauso groß ist wie mit dem Regime, das Homosexualität kriminalisiert.

Inwiefern hat sich deine Sicht auf dein Heimatland nach der Flucht nach Schweden verändert?
In meiner Kultur sagen wir: Bei einer Beerdigung sollte man nur gute Dinge über den Toten sagen. Mich erinnert dieses Sprichwort immer an Syrien, denn genau das passiert, wenn ich über Syrien schreibe. Das Land ist für mich wie ein geliebter Mensch, der gestorben ist, also darf ich nur die guten Dinge erwähnen.

Es gibt im Buch einige sehr explizite, manchmal verstörende sexuelle Fantasien. In welcher Form beeinflusst die Gewalt, die (schwule) Syrer, erleben, den Umgang mit ihrer Sexualität?
So wie es ein Gefängnis tut – al-Assads Gefängnis. Die al-Assad-Familie regiert das Land seit den 1970ern und hat das Gesetz nie dahingehend geändert, dass die LGBTQI-Community anerkannt oder wenigstens legal wird. Gleichzeitig hat die Regierung es im Jahr 2000 geschafft, das Gesetz innerhalb von nur fünf Minuten zu ändern, damit Bashar al-Assad Präsident werden konnte. Das Regime hat die Gay-Community über 50 Jahre missbraucht und schwule Männer erpresst.

„Selamlik“ verwendet unterschiedliche Textformen und Stile – von tagebuchartigen Sequenzen über dokumentarische Passagen bis hin zu poetischen Formen. Bedienst du dich mit dieser fragmentierten Form bei arabischen Erzähltraditionen?
Es ist ein Collage-Roman. Ich hatte keine arabischen Referenzen, weil es schwule Romane in dieser Kultur fast nicht gibt. Mein Bezugsrahmen sind eher die syrischen Frauen, die ich in meiner Kindheit getroffen habe. Sie erzählten meist mehr als eine Geschichte gleichzeitig, aber keine davon wurde vollendet. „Selamlik“ ist das Buch, das junge Syrer und schwule Männer lesen sollten. Sie sollen einem dunkelhäutigen, arabischen, muslimischen Mann begegnen, der sich nie für seine sexuelle Orientierung geschämt hat.

„Selamlik“ ist 2018 in Schweden erschienen. Was waren die bemerkenswertesten Reaktionen?
In den schwedischen Mainstream-Medien wurde gesagt, dass mein Stil dem von Jean Genet ähnelt. Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben, denn Genet war immer mein Idol.

Welche Botschaft hast du an deutschsprachige Leser*innen zum Erscheinen der deutschen Übersetzung?
Schwul und Flüchtling zu sein ist sexy. Ihr solltet das Buch nicht verpassen.