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    Der Film

    Léo ist 22, lebt in Straßburg und verkauft seinen Körper. Nachts lässt er sich durch die Stadt treiben, tagsüber schläft er irgendwo für ein paar Stunden. Wenn es Ärger mit Freiern gibt, hilft ihm sein bester Freund Ahd. Aber der Partner, nach dem Léo sich sehnt, der Mann, in dessen Armen er einschlafen darf, kann Ahd nicht für ihn sein. Léos rastlose Suche geht immer weiter. Sein Herz schlägt wild dabei.

    Filmstill

    Der Debütfilm von Regisseur Camille Vidal-Naquet steht mit seiner zarten Rohheit in der stolzen Tradition der empfindsamen Stricherfilme von Patrice Chéreau („Der verführte Mann“), André Téchiné („Ich küsse nicht“), Gus Van Sant („My Private Idaho“) und Robin Campillo („Eastern Boys“). Für seine kompromisslose Darstellung eines jungen Mannes zwischen Verlorenheit, körperlicher Selbstausbeutung und einer unstillbarer Sehnsucht nach menschlicher Nähe wurde Léo- Darsteller Félix Maritaud („120 BPM“) bei dem Filmfestspielen in Cannes mit dem Rising Star Award der Louis Roederer Foundation ausgezeichnet und als neue Hoffnung des französischen Kinos gefeiert. Ein intensives, zutiefst berührendes Porträt.

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    Trailer

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    Ab 29. November im Kino

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    Filmstills

     

     

    INTERVIEW MIT REGISSEUR
    CAMILLE VIDAL-NAQUET

    Was war der Ausgangspunkt des Films?

    Ich begann mit einer Person, einer bestimmten Energie. Ein einsamer junger Mann stürzt sich in das Leben auf der Straße und taumelt von einer Begegnung zur nächsten, immer auf der Suche nach Liebe. Dabei treibt ihn die Kraft der Liebe an. Sie übersteht all die Gewalt, der er in dieser Welt begegnet. Ich schrieb eine erste Drehbuchfassung und traf mich über einen Verein mit einigen Strichern aus dem Bois de Boulogne. Ursprünglich wollte ich nur an einigen ihrer Touren teilnehmen, aber im Laufe der Nächte entstanden sehr enge Beziehungen. Letztendlich verbrachte ich drei Jahren dort, und all diese Begegnungen flossen in mein Schreiben ein.

    Neben Léos Gewalterfahrungen entwickelt sich im Film auch eine beeindruckende Sanftheit.

    Léo genießt in seiner Arbeit als Prostituierter jeden einzelnen zärtlichen Moment, bei dem er einen Mann küssen oder umarmen kann. Er ist nicht so zynisch und distanziert wie seine Kollegen. Sie werfen ihm seine Haltung auch vor, die sie als mangelnde Professionalität interpretieren. Sie machen die Arbeit, um Geld zu verdienen, wohingegen Léo das Vergnügen genießt, wo immer er es findet.

    Im Gegensatz zu den anderen, sagt Léo: „Ich küsse.“ Er hängt nicht am Geld, er zählt nie die Geldscheine, die er bekommt. Man sieht nicht, wie er es ausgibt. Es war mir sehr wichtig zu zeigen, dass ihm materielle Dinge nicht viel bedeuten. Er lebt in einer anderen Welt.

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    Eines der wenigen Dinge, die er für sich behält, ist sein Vorname …

    Schon bei der ersten Drehbuchfassung wollte ich keinem der Strichjungen einen Namen geben, so als wäre die Geheimhaltung ihrer Identität ihr kostbarstes Gut. Viele von ihnen sehen die Prostitution als schauspielerische Arbeit: Man wird für einige Minuten zu einer anderen Person und die jeweilige Rolle wird an jeden Freier angepasst. Im Film werden ihre Vornamen nie genannt, insbesondere nicht der von Léo. Als der in Kanada lebende Freier Claude ihn nach seinem Namen fragt, antwortet er: „Such dir was aus.“ Ich hatte kurz überlegt, diese Antwort als Filmtitel zu verwenden.

    Léo ist sehr einsam. Als ihm jemand ein Handy anbietet, antwortet er, er wisse nicht, wen er anrufen solle …

    Diese Einsamkeit ist jedoch zugleich auch eine Stärke. Léo lebt in absoluter Freiheit, mit all ihren beängstigenden und bewundernswerten Seiten. Diese Freiheit beschrieb auch Kerouac: „Man konnte nirgendwo mehr hin, außer überall.“ Auch Mona erlebt diese Art der Freiheit in Agnès Vardas „Vogelfrei“ (1985): Da sie sich weigert, sich den sozialen Regeln zu unterwerfen, und sich von niemandem zu etwas zwingen lässt, ist die Härte der Straße für sie zur Normalität geworden. Im Film beschwert sich Léo nie, weder über seine Arbeit, noch über seine Lebensumstände.

    Léo bleibt eine mysteriöse Figur, von dessen bisherigem Leben man nichts weiß.

    Der Film will nicht erzählen, wie und warum Léo zu diesem Leben kam, sondern lädt ein, es mit ihm zu teilen, spezielle Momente mitzuerleben. Er spricht die Sinnesempfindungen an. Ich wollte Léos Leben direkt wiedergeben, sodass der Schock und die Orientierungslosigkeit der Ausgrenzung mitempfunden werden können.

    Filmstills

    Hatten Sie bestimmte Filmcharaktere im Kopf, als Sie das Drehbuch schrieben?

    Neben Mona aus „Vogelfrei“, hatte ich die Figur von Paul Newman in „Der Unbeugsame“ (1967) im Kopf, diesen verträumten und weltfremden Typen, der sich im Gefängnis zwischen Gaunern wiederfindet. Er passt sich nicht an, ist etwas poetisch veranlagt, hat aber vor nichts Angst. Er steckt Gewalt und Erniedrigungen ein und steht immer wieder auf. Wie die Sonne strahlt er in einem dunklen Universum. Dieser Charakter, der sich nie entmutigen lässt, hat mich sehr beeinflusst. Er wirkt so zerbrechlich, dass man nie auf ihn setzen würde. Letztendlich hält er aber bis zum Ende durch, ganz im Gegensatz zu den anderen, denen es an seinem Durchhaltevermögen, seiner Widerstandsfähigkeit mangelt. Seine Kraft kommt aus seiner Menschlichkeit, von seiner Großzügigkeit. Dem ähnelt Léo in SAUVAGE, der mit seiner arglosen, oft kindlichen Art nicht in eine Welt passt, in der alle verhärtet sind und um ihr Überleben kämpfen. Man glaubt, dass er das nicht durchhalten wird, aber seine Ausstrahlung und seine Lebenskraft machen ihn widerstandsfähiger als so manch anderen.

    Kann man das besondere Verhältnis zwischen Léo und Ahd als Paarbeziehung beschreiben?

    Während ich das Drehbuch schrieb, wurde der von Éric Bernard dargestellte Ahd eine immer wichtigere Figur. Ahd liebt Léo wie einen Bruder. Aber, anders als Léo, be- und verurteilt er andere. Für ihn ist die Prostitution eine Welt, die er bekämpft, die er vergessen und hinter sich lassen will. Er hat nur den einen Wunsch: dieser Welt zu entkommen. Als die Ärztin Léo auffordert, kein Crack mehr zu nehmen und etwas anderes zu machen, trifft sie auf Unverständnis. Es ist also nicht so, dass er das nicht will, sondern, dass er es überhaupt nicht versteht. Léo fällt nie moralische Urteile, er ist einfach da. Das ist sein Leben. Er weiß nicht, was es bedeutet, „dieser Welt zu entkommen“. Wovon soll er wegkommen und wohin gehen? Deshalb sieht Ahd Léo als denjenigen an, der ihn in einer Welt zurückhält, der er zu entkommen sucht.

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    Im Film geht es auch darum, wie man mit seinem Körper umgeht, wie man ihm schadet, ihm Gutes tut, ihn pflegt …

    Körper, Haut und Hände sind im Film omnipräsent. Im Gegensatz zu Callboys, die man im Internet buchen kann, haben obdachlose Straßenstricher weniger Möglichkeiten zur Körperhygiene und weniger Zugang zu Nahrung und erst recht kaum die Möglichkeit zu schlafen. Ihr Körper bekommt also nicht die nötige Pflege und ist deshalb oft in schlechtem Zustand. Dennoch bleibt er ein Objekt der Begierde. Das Ziel des Films war, diese beiden widersprüchlichen Aspekte miteinander zu verbinden.

    Dafür wurde die Farbgebung in der Postproduktion wichtig: Je nach Szene konnten wir den Farbton, die Farbtemperatur und die Textur der Haut sehr präzise nuancieren. Manchmal erschienen die Personen so an der Grenze zur Erotik, andere Male sah die Haut sehr viel ungeschönter aus, fast schon krank. Die Haut der Darsteller beschreibt, was sie im Film erleben. Außerdem wollte ich, dass Nacktheit im Film als etwas Normales und Übliches erscheint. Die Strichjungen zeigen ihren Körper, weil es ihr Arbeitsinstrument ist. Ich sah mir unzählige Male „Showgirls“ (1995) und „Türkische Früchte“ (1973) von Paul Verhoeven an. Es hat mich immer unglaublich beeindruckt, wie es ihm gelang, die Schauspieler von ihrem Schamgefühl zu befreien und ihnen wie von selbst ein Gefühl von körperlicher Freiheit zu vermitteln. Im Vorfeld ließ ich die Schauspieler von dem Choreografen Romano Bottinelli vorbereiten. Man sollte sehen, dass sie ihren Körper unter Kontrolle haben, sie mussten aber auch einen gewissen Abstand zu ihm und zu ihrer Intimsphäre finden. In sehr kurzer Zeit mussten sie lernen, den Körper als Instrument zu nutzen, ohne Scham oder Zweifel zu zeigen. Insbesondere war es wichtig, dass sich ihre Körpersprache von der der Freier unterschied, deren Darsteller keinerlei körperliche Vorbereitung vor dem Dreh erhielten. Im Film wirken die Freier deshalb deutlich weniger anmutig als die Straßenstricher, ihre Körper sind schwerer und unbeholfener.

    Léos Körper wird oft misshandelt und verletzt. Man sieht ihm an, wie hart das Leben auf der Straße ist. Aber oft erscheint sein Körper im Film stark, kraftvoll und frei. Wenn er im Nachtklub tanzt und dabei schwitzt, spürt man seine Energie, sein Durchhaltevermögen und die Lebenskraft, die in ihm steckt. Für Félix war der Dreh körperlich sehr anstrengend.

    Im Film wird Sex in den verschiedensten Formen dargestellt: vom kurzen Blowjob in einem Auto bis zu einer sexlosen Nacht mit einem Freier, nur um ihm Gesellschaft zu leisten …

    Mir ging es darum, den Alltag der jungen Männer zu zeigen, die ihren Körper auf der Straße verkaufen. Dieser Alltag wird von aufeinanderfolgenden sexuellen Akten bestimmt. Wenn man von der Arbeit von Prostituierten spricht, vermeidet man es, den sexuellen Akt genau zu benennen. Man weiß von der Realität, ohne sich diese genau vorstellen zu können. Diese jungen Männer sind auf gewisse Art unsichtbar: Man will sie nicht sehen, die Stadt schließt sie brutal aus, kann jedoch nicht ohne sie auskommen. Der Film zeigt das Leben der jungen Männer, deren Arbeit aus Sexualität besteht. Sie bekommen die gewalttätigen Fantasien der Stadtbewohner ab, sie kennen die sexuellen Vorlieben von einigen, die absolute Einsamkeit von manchen, den Frust, aber auch Arten von Sexualität, die man nie zu sehen bekommt und von denen man nie spricht, den Sex von Menschen mit Behinderung oder älteren Menschen. Die verschiedenen Darstellungen des Aktes zeigen uns viel von Léo, von seiner Sanftheit, seiner Fähigkeit, sich emotional berühren zu lassen und sich hinzugeben, aber sie offenbaren auch seinen Leichtsinn, seinen Mangel an Urteilskraft und seine kindliche Seite, die nicht zu seiner Tätigkeit zu passen scheint. Als er Claude kennenlernt, sieht man, wie er versucht, sich wie seine Kollegen zu verhalten: Er ist kalt und zynisch, er geht mechanisch vor. In dem Moment versucht er, ein „Profi“ wie seine Kollegen zu sein.

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    Félix Maritaud trägt den Film. Hat das Casting für die Rolle des Léo lange gedauert?

    Ich lernte Félix relativ früh beim Casting kennen. Er hatte gerade „120 BPM“ gedreht, aber der Film wurde noch geschnitten, ich kannte seine Arbeit also überhaupt nicht. Es gab sofort eine Art unausgesprochenes Einverständnis zwischen uns. Ich war sehr beeindruckt davon, dass er vor nichts Angst hat. Er kann alles machen, sich vollkommen dem Filmcharakter hingeben, ganz egal, in was für einer Szene. Félix spielt sehr instinktiv. Er stürzt sich ohne Umwege in die Szene. Ich hingegen bin sehr vorsichtig und gehe langsam und zögerlich vor. Aber obwohl wir verschiedene Wege wählten, gingen wir immer in dieselbe Richtung.

    Die Inszenierung ist auf gewisse Weise heterogen, manche Szenen wirken wie Schnappschüsse, andere bühnenhaft.

    Mein Ziel war, dass man sich ununterbrochenen auf der Ebene primitiver Instinkte befindet. Ich wollte mit Jacques Girault arbeiten, weil mich seine präzise Arbeit mit der Handkamera sehr beeindruckt und ich damit den gesamten Film aufnehmen wollte. Wir drehten mit einem sehr kleinen Team. Das sollte uns die Freiheit geben, während der Aufnahmen in alle Richtungen filmen zu können. Dafür mussten alle die Kamera als Teammitglied empfinden, als eine von uns. Das Bild musste organisch sein, manchmal auch hart, strukturiert und dicht zugleich. Neben dieser wilden Art des Filmens, gab es in SAUVAGE jedoch kaum Improvisationen beim Dreh, alles wurde vorher festgelegt. Mir war wichtig, dass die Dialoge exakt wie im Drehbuch wiedergegeben wurden, auch die Betonung musste fast genau so klingen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Außerdem folgten wir einem genauen Aufnahmeplan. Die Herausforderung war also, diese Genauigkeit mit unkontrollierten Energieausbrüchen zu vereinbaren, mit den Zufälligkeiten, plötzlichen Veränderungen und Eingebungen der Darsteller.

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    Biografien

    PortraitFélix Maritaud (Léo) stammt aus Berry. Er studiert von 2012–13 an der École Nationale des Beaux-Arts in Bourges. 2016 wird er von Robin Campillo für die große Leinwand entdeckt: Er spielt in „120 BPM“, der bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Grand Prix und später mit sechs Césars ausgezeichnet wird, den Aids-Aktivisten Max. Zwei Jahre später ist er in Cannes gleich mit zwei Filmen vertreten: In „Knife + Heart“ von Yann Gonzalez, der im Wettbewerb gezeigt wird, und in SAUVAGE von Camille Vidal-Naquet, der in der Semaine de la Critique läuft und in dem er seine erste Hauptrolle spielt. Für SAUVAGE wird Maritaud mit dem Rising Star Award der Louis Roederer Foundation ausgezeichnet.

     

    Filmografie als Darsteller (Auswahl):

    2017   „120 BPM“ (R: Robin Campillo)
    „Les îles“ (KF, R: Yann Gonzales)
    2018   „Knife + Heart“ (Un couteau dans le coeur, R: Yann Gonzales)
    „Sauvage“ (R: Camille Vidal-Naquet)

     

     

    PortraitCamille Vidal-Naquet (Buch & Regie) wird 1972 in Nevers geboren. Er studiert Literaturwissenschaft, wendet sich dann aber dem Filmemachen zu. Auf einen ersten experimentellen Kurzfilm in Zeichensprache folgen die fiktionalen Kurzfilme „Backstage“ (2001) und „Mauvaise tête“ (2014). SAUVAGE ist Vidal-Naquets Langfilmdebüt.

     

    Filmografie als Regisseur:

    2001   „Backstage“ (24 Min.)
    2014   „Mauvaise tête“ (28 Min.)
    2018   „Sauvage“ (99 Min.)

     

     

    Credits

    Sauvage

    Ein Film von Camille Vidal-Naquet
    FR 2018, 99 Minuten, franzöfische OF mit deutschen UT

     

    mit  Félix Maritaud
    Éric Bernard
    Nicolas Dibla
    Philippe Ohrel

     

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    Crew

    Buch und Regie  Camille Vidal-Naquet
    Kamera  Jacques Girault
    Schnitt  Elif Uluengin
    Szenenbild  Charlotte Casamitjana
    Ton  Jérémie Vernerey, Julien Roig, Benjamin Viau
    Kostüme  Julie Ancel
    Maske  Aurélia Gauthier
    Casting  Stéphanie Doncker,Jonathan Schall
    Musik  Romain Trouillet
    Produzent  Emmanuel Giraud
    Koproduzentin  Marie Sonne Jensen

     

    Filmstills

    eine Produktion von Les Films de la Croisade

    in Koproduktion mit La Voie Lactée

    unter Beteiligung von Centre National de la Cinématographie
    et de l’Image Animée

    unter Beteiligung von La Région Grand Est,
    Eurométropole de Strasbourg

    Weltvertrieb Pyramide International

    im Verleih der Edition Salzgeber