Ab 11. Juni im Salzgeber Club

Rabbi Wolff

ein Film von Britta Wauer

Deutschland 2016, 90 Minuten, deutsche OF

FSK 0

Kinostart: 14.4.2016

Rabbi Wolff

William Wolff ist Ende 80 und der wohl ungewöhnlichste Rabbiner der Welt. Der kleine Mann mit Hut wurde in Berlin geboren, hat einen britischen Pass und wohnt in einem Häuschen in der Nähe von London. Immer Mitte der Woche fliegt er nach Hamburg, steigt dort in den Zug und pendelt zu seinen Jüdischen Gemeinden nach Schwerin und Rostock. Samstags nach dem Gottesdienst geht es zurück nach London – es sei denn, er ist bei Verwandten in Jerusalem, auf Fastenkur in Bad Pyrmont oder beim Pferderennen in Ascot. Denn das Leben muss vor allem Spaß machen, findet Willy Wolff.

Mit seiner unkonventionellen Art und seinem herzhaften Lachen begeisterte der Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern die Zuschauer bereits in Britta Wauers Publikumshit „Im Himmel, unter der Erde“ (2011), einem Dokumentarfilm über den Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Wauers neuer Film zeigt nun den turbulenten Alltag von Willy Wolff und beleuchtet seine bewegte Vergangenheit: Bevor er Rabbiner wurde, war er politischer Korrespondent in London; als Kind floh er mit seiner Familie aus Nazideutschland.

„Rabbi Wolff“ ist nicht nur das Porträt einer faszinierenden Persönlichkeit – eines tief religiösen Menschen, der sich voller Lebensfreude über Konventionen hinwegsetzt. Der Film führt auch auf mitreißende Weise in die Welt des Judentums ein und präsentiert uns einen ganz besonderen deutschen Lebenslauf.

Trailer

Director’s Statement
Britta Wauer über ihren Film

Ich traf Willy Wolff das erste Mal 2008 im Vorfeld der Dreharbeiten zu meinem Film Im Himmel, unter der Erde über den Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Ich suchte für den Film nach einer Art Erzähler, der die Unterschiede zwischen christlichen und jüdischen Trauerritualen und die Vorstellungen vom Jenseits im Judentum vermitteln könnte. Als ich in der Jüdischen Gemeinde Berlin nachfragte, ob man mir dafür einen Rabbiner empfehlen könne, bekam ich nie eine richtige Antwort. Erst später begriff ich, dass die Frage völlig falsch war! Denn die Berliner Einheitsgemeinde repräsentiert alle Strömungen von liberal bis orthodox und es ist nicht so einfach, sich auf einen Rabbiner zu einigen, der öffentlich für alle spricht. Eine Freundin hatte schließlich die Idee, Willy Wolff zu fragen. Als geborener Berliner kannte er den Friedhof Weißensee, aber als Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern war er weit genug weg, um in Berlin niemandem auf die Füße zu treten.

Als ich Willy Wolff zum ersten Mal traf, war er zu einer Rabbinerkonferenz in Berlin und saß in einem Kaffeehaus neben der Synagoge in der Oranienburger Straße. Er war sofort einverstanden, im Film mitzuwirken. Ich hatte keine Ahnung, dass er zu den Dreharbeiten außer seinem rabbinischen Wissen auch schauspielerisches Talent und viel Humor mitbringen würde. Für den Film war er ein Glücksfall. Er schaffte, was zuvor unmöglich schien: witzig, klug und charmant über Tod, Trauer und die Vorstellungen vom Jenseits zusprechen.

Egal wo auf der Welt wir den Film zeigten – ob in Berlin, Peking, Toronto, New York oder Johannesburg: Die Festivalsäle haben bei Willy Wolffs Worten stets vor Gelächter gebebt! Kein Publikumsgespräch verging, ohne dass ich nicht ausführlich über diesen Mann erzählen sollte. „Seinetwegen könnte ich fromm werden!“, rief mir ein Zuschauer in London zu. Und in Jerusalem sagte jemand, das Besondere an Willy Wolffs ungewöhnlicher Lebensweisheit sei »eine seltene Mischung aus ostjüdischem Witz und britischem Humor“.

Je öfter ich über ihn Auskunft gab, desto klarer wurde mir, dass man über ihn einen eigenen Film machen müsste. Willy Wolff ist nicht nur unterhaltsam, er öffnet auch Türen. Er führt uns ohne Scheu und Scham in die Welt des Judentums ein. Tradition und Glaube kann er auf kluge und humorvolle Weise verständlich machen. Für ihn stehen der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt. Daran sollte sich alles ausrichten, auch die Anwendung der religiösen Gebote. Der Alltag in seinen Gemeinden vermittelt zudem einen Eindruck, wie vielfältig jüdisches Leben in Deutschland heut sein kann. Seine Biografie, die von Flucht und Ungewissheit geprägt ist, erzählt nicht nur deutsche Geschichte, sondern gewinnt im Angesicht der heutigen Flüchtlingskrise eine besondere Aktualität. Ich bin davon überzeugt, dass die Begegnungen und Überlegungen des Rabbiners so universell sind, dass sie viele Menschen inspirieren können.

Biografie

BRITTA WAUER (Regie & Buch) Geboren 1974 in Berlin, hat nach dem Abitur eine Ausbildung an der Berliner Journalisten-Schule absolviert und realisierte für Spiegel-TV-Reportage erste Dokumentationen. 1997 begann sie ihr Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) und arbeitete seit dieser Zeit als Regieassistentin, unter anderem für Helmut Dietl. Für ihren Vordiplomfilm Heldentod – Der Tunnel und die Lüge erhielt sie den Deutschen Fernsehpreis. Ihr Abschlussfilm Die Rapoports wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Seit 2005 hat Wauer mit „Britzka Film« ihre eigene Produktionsfirma mit Schwerpunkt Dokumentarfilm. Der dort entstandene Film Im Himmel, unter der Erde wurde vielfach ausgezeichnet.

  • 2016

    „Rabbi Wolf“: Buch, Regie und Produktion, 90 Minuten, Kinodokumentarfilm, Britzka Film

  • 2011

    „Im Himmel, unter der Erde“: Buch, Regie und Produktion, 90 Minuten, Kinodokumentarfilm, Britzka Film, Internationale Filmfestspiele Berlin (Panorama-Publikumspreis), Gerhard-Klein-Filmpreis, Jerusalem Film Festival (Lobende Erwähnung), Film Festival Warschau (Preis Jewish Motifs International)

  • 2008

    „Gerdas Schweigen“ nach dem gleichnamigen Buch von Knut Elstermann · Buch und Regie, 95 Minuten, Kinodokumentarfilm, Zeitsprung Entertainment, Lünen 2008 (Beste Filmmusik), DocAviv 2009, Filmkunstfest Schwerin 2009 (Bester Dokumentarfilm), Nominierung Deutscher Kamerapreis (Bester Schnitt), Jewish Filmfestival Barcelona, UK Jewish Film Festival

  • 2006

    „Mehr Gerechtigkeit! Ideen für eine bessere Welt“: Buch und Regie, 45 Minuten, SR (ARD), Axel-Springer-Preis 2007 (Herausragende Leistung)

  • 2005

    „Berlin Ecke Volksbühne“: Buch, Regie und Produktion, 52 Minuten, Britzka Film für Arte/ZDF

  • 2004

    „Die Rapoports“: Buch und Regie zusammen mit Sissi Hüetlin, 58 Minuten, Ziegler Film für Arte/ZDF, Adolf-Grimme-Preis 2005, MoMA/New York 2006

  • 2001

    „Heldentod – Der Tunnel und die Lüge“: Buch und Regie, 55 Minuten, Ziegler Film für Arte/ZDF, Deutscher Fernsehpreis (Förderpreis) 2001, Goldener Gong 2001, Mitteldeutscher Medienpreis 2001

Zur Person: Rabbiner William Wolff

William Wolff wird 1927 in Berlin geboren. 1933 flieht er mit seinen Eltern und Geschwistern vor den Nationalsozialisten nach Amsterdam und von dort sechs Jahre später nach London.

Schon in Berlin, im Alter von vier oder fünf Jahren, will er Rabbiner werden. Ein Wunsch, der ihn auch als Jugendlicher nicht loslässt. Ihn fasziniert das jahrtausendealte Wissen in der Heiligen Schrift, und er will Menschen als Seelsorger beistehen. Weil aber nach Flucht und Krieg kein Geld da ist, um das Rabbinerseminar zu finanzieren, entscheidet er sich nach der Schule zunächst für den Beruf des Journalisten. Wolff macht rasch Karriere und begleitet als Parlamentsreporter und Korrespondent verschiedener englischer Tageszeitungen drei Jahrzehnte lang das weltpolitische Geschehen aus nächster Nähe. Er reist mit dem britischen Außenminister durch China, die Sowjetunion und zu den europäischen Regierungschefs. Als englischer Korrespondent ist er in den 1970er Jahren auch mehrmals Gast beim „Internationalen Frühschoppen“ im deutschen Fernsehen.

Seinen alten Traum, Rabbiner zu werden, vergisst Wolff aber nie. Er ist schon 53, als er seine Ausbildung am renommierten Leo-Baeck-College in London beginnt. 1984 erhält er seine Ordination – die offizielle Bescheinigung, von einer Gemeinde als Rabbiner angestellt werden zu können. Er amtiert unter anderem an der West London Synagoge und in Wimbledon. Im April 2002 – Wolff ist inzwischen 75 – gibt er schließlich dem Werben des Zentralrats der Juden in Deutschland nach, der schon länger versucht hat, ihn für einen Posten zu gewinnen. Wolff übernimmt das seit 65 Jahren verwaiste Amt des Landesrabbiners von Mecklenburg-Vorpommern. Seitdem betreut er die drei jüdischen Gemeinden in Schwerin, Rostock und Wismar – rund 2.000 Menschen, die fast ausschließlich aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Damit er sich besser mit ihnen verständigen kann, lernt er Russisch.

Willy Wolff, der nie geheiratet hat und kinderlos ist, wohnt noch immer alleine in seinem Häuschen »Little Paddock« in der Nähe von London, von wo er zu seinen Einsatzorten in Deutschland pendelt. Neben seiner Arbeit als Geistlicher schreibt er noch immer für die Londoner »Times«; meist sind es Nachrufe. Er ist begeisterter Anhänger des britischen Pferderennsports, leidenschaftlicher Zeitungsleser, verehrt die Queen und spricht fließend Deutsch, Englisch, Holländisch, Französisch und Hebräisch. Und er hält sich körperlich fit: Seit den 60er Jahren praktiziert er Yoga, und einmal im Jahr reist er nach Bad Pyrmont zur Fastenkur. Er pflegt seinen erweiterten Familien- und Freundeskreis, der sich über die ganze Welt verteilt, von Berlin bis Brooklyn, von Rostock bis Tel Aviv. Im Jahr 2014 hat ihn die Stadt Schwerin zum Ehrenbürger ernannt.

Credits

Crew

Buch & Regie

Britta Wauer

Kamera

Kaspar Köpke

Montage

Berthold Baule

Ton

Felix Heibges

Tongestaltung

Sebastian Tesch

Mischtonmeister

Florian Beck

Musik

Karim Sebastian Elias

Standfotos

Uli Holz

Produktionsleitung RBB

Rainer Baumert

Herstellungsleitung

Karsten Aurich

Redaktion

Dagmar Mielke, Rolf Bergmann

Produzentin

Britta Wauer

eine Gemeinschaftsproduktion von Britzka Film mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg in Zusammenarbeit mit Arte
gefördert durch das Medienboard Berlin-Brandenburg, FFA Filmförderungsanstalt, Deutscher Filmförderfonds (DFFF), Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Kulturelle Filmförderung Mecklenburg-Vorpommern.

im Verleih der Edition Salzgeber