Lebenszeichen – Jüdischsein in Berlin

ein Film von Alexa Karolinski

Deutschland 2018, 83 Minuten, deutsche Originalfassung

FSK 0

Lebenszeichen – Jüdischsein in Berlin

Klappernde Teller, mit denen der Tisch für das Rosh-Hashanah-Fest gedeckt wird. Das hell erleuchtete Haus einer alten jüdischen Dame, die den Krieg in einem dunklen Bunker überlebt hat. Eine Gruppe von Freundinnen, die den Garten der Liebermann-Villa pflegen…

Zwei Generationen nach dem Holocaust mögen die Erinnerungen daran zu verblassen beginnen, aber in kleinen, scheinbar banalen Momenten des täglichen Lebens sind sie noch ganz spürbar. Die Regisseurin Alexa Karolinski hat Familienmitglieder, Freunde, Historiker und zufällige Bekannte befragt und ist mit ihrer Kamera im heutigen Berlin auf Spurensuche gegangen. Sie folgt den vielgestaltigen Lebenszeichen, Ritualen und Gewohnheiten um festzuhalten, wie persönliche Erinnerung und kollektive Geschichte, vererbtes Trauma und gelebte Gegenwart zusammenwirken.

Nach „Oma & Bella“ (2012), Karolinskis berührendem Doppelporträt von ihrer Großmutter und deren besten Freundin, ist „Lebenszeichen – Jüdischsein in Berlin“ der zweite Teil einer Trilogie über jüdische Identität und Leben in Deutschland, die das Gestern als notwendige Bedingung für das Heute versteht. „Lebenszeichen“ ist nicht nur eine intime Selbst- und Familienerkundung, sondern auch ein vielstimmiges Porträt der deutschen Hauptstadt und seiner jüdischen Geschichte. Die ruhige Erzählung und assoziative Struktur des Films sind dabei eine Einladung an die Zuschauer_innen, den ganz eigenen Lebenszeichen nachzuspüren.

Trailer

Protagonist_innen & Orte

Annie Karolinski Donig, geboren 1956, ist Alexas Mutter. Ihre Eltern kamen als Holocaust-Überlebende nach dem Krieg aus Polen über Israel und Italien nach Kanada. Sie ist die erste in ihrer Familie, die in Kanada geboren wurde, nämlich in Montreal. Annie zog 1982 nach Berlin, nachdem sie Alexas Vater im Urlaub in Florida kennengelernt hatte. Sie erzog Alexa und ihren Sohn David zweisprachig und multikulturell. „Das richtige Judentum – den Inhalt, das Selige, das Jiddische – das habe ich erst hier gelernt“, sagt sie über Berlin.

Mozica und Aurélien Charpy sind Geschwister aus Marseille, Frankreich. Alexa lernte sie beim Dreh im Berliner Holocaust-Mahnmal kennen.

Siegfried Zielinski, geboren 1951, ist Professor für Medienwissenschaft und Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe. Alexa kontaktierte ihn vor vier Jahren, um mehr über 1979 zu erfahren – das Jahr, in der die US-Serie „Holocaust“ im deutschen Fernsehen lief. Zielinskis Kunst, sich mit Geschichte medial und assoziativ auseinanderzusetzen, machte ihn zum ersten Protagonisten der „Lebenszeichen“.

David Karolinski, geboren 1986 in Berlin, ist Alexas jüngerer Bruder und arbeitet für eine Berliner Werbeagentur. David ist einer von Alexas wichtigsten Bezugspersonen, wenn es um Fragen der Herkunft und Identität geht.

Petra und Franz Michalski sind ein Ehepaar, das mehrmals in der Woche das Denkmal „Züge ins Leben – Züge in den Tod“ des Danziger Zeitzeugen Frank Meisler an der Berliner Friedrichstraße putzt. Das Denkmal zeigt zwei Kindergruppen: eine, die im Rahmen der Kindertransporten 1938–39 nach Großbritannien fliehen konnte und eine, die in Konzentrationslager deportiert wurde. Das Denkmal entstand am authentischen Abfahrtsort des Kindertransports, dem Bahnhof Berlin Friedrichstraße. Franz Michalski wurde dadurch das Leben gerettet.

Gärtnerinnen der Liebermann Villa. Seit 2006 wird die Sommervilla des deutsch-jüdischen Malers und Grafikers Max Liebermann (1847-1935) als Museum und öffentlicher Garten genutzt. Jeden Dienstag treffen sich hier um die zehn ehrenamtliche Frauen und helfen bei der Aufrechterhaltung des Gartens, der Liebermanns Bildern nachgestaltet wurde.

Evelyn Gutman, geboren 1933, ist eine der letzten Überlebenden des Holocaust, die ursprünglich aus Berlin stammen. Ihre nicht-jüdischen Großeltern konnten während des Krieges verschiedene Verstecke für sie in und um Berlin organisieren. Alexa kennt Frau Gutman aus der Synagoge und der jüdischen Gemeinde, wo die Dame durch ihre stets sagenhaft exzentrische Kleidung auffällt.
Pedro Donig kam 1949 in Buenos Aires als Kind deutsch-jüdischer Flüchtlinge zur Welt. Seine Eltern konnten 1938 aus Berlin mit einem der letzten Schiffe über Holland nach Argentinien fliehen. Pedro ging in Buenos Aires auf die einzige deutsch-jüdische Schule und hatte als Kind oft Prügeleien mit Nazi-Kindern aus den über zehn deutschen Schulen der Stadt. Pedro ist Alexas Stiefvater und leidet an frühzeitiger frontotemporaler Demenz, die sein Sprachzentrum und sein Gedächtnis erheblich beeinträchtigen. Rituale des Alltags und die Liebe seiner Frau geben ihm Halt.

Regina Karolinski, geboren 1927, ist Alexas Oma und neben der bereits verstorbenen Bella Katz der Star von Alexas erstem Film „Oma & Bella“ (2012). Wenn Alexa nach Berlin kommt, macht sie immer erst bei Oma Halt, um bei ihr Hühnersuppe zu essen. Beide telefonieren zudem mehrmals die Woche miteinander. Alexa und der Rest ihrer Familie versuchen, Oma so fit wie möglich zu halten. Dazu gehört auch die Arbeit mit Piotr, Omas langjährigem Physiotherapeuten, der zweimal die Woche mit ihr trainiert.

Carolin Würfel, geboren 1986 in Leipzig, lebt als Autorin in Berlin und ist eine Freundin von Alexa. Carolin und Alexa lernten sich 2016 bei der Hochzeit einer gemeinsamen Freundin in Stockholm kennen und reden oft über Fragen der deutschen Identität und Geschichte.

Gedenkstätte Sachsenhausen: Auf dem Gelände der heutigen Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg nördlich von Berlin lag in den Jahren 1936 bis 1945 eines der größten Konzentrationslager auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reichs. Insgesamt wurden über 200.000 Häftlinge nach Sachenhausen deportiert, die als Zwangsarbeitskräfte in den umliegenden Firmen versklavt und ausgebeutet wurden. Zehntausende der Häftlinge wurden durch die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, durch Folter, Erschießungen und medizinische Experimente im Lager ermordet.

Atina Grossmann und Frank Mecklenburg wurden beide 1950 geboren – Atina in New York, Frank in Berlin – und sind die Eltern eines Freundes von Alexa. Beide sind Historiker und Spezialisten auf dem Gebiet Deutsch-Jüdischer Geschichte. Atina ist Professorin für Neuere Deutsche Geschichte, Holocaustforschung, Frauenforschung und Refugee Studies; Frank leitender Historiker und Chef-Archiv am New Yorker Leo Baeck Institut. Atina unterstützte Alexa bereits für „Oma & Bella“ bei der historischen Recherche.

Die Stadt Berlin. Alexa ist in Berlin-Wilmersdorf geboren und hat dort auch den Großteil ihres Lebens verbracht. Sie kennt Berlin als sich ständig im Wandel befindliche Stadt und identifiziert sich darüber mit ihrem Deutschsein. Heute pendelt sie zwischen Los Angeles und Berlin hin und her. Berlin aber ist und bleibt ihr Zuhause, bzw. anders und im Sinne dieses Filmes ausgedrückt: ihre Heimat.

Biografie

Alexa Karolinski, 1984 in Berlin geboren, ist eine kanadisch-deutsche Filmemacherin, die in Berlin und Los Angeles lebt. Nach dem Studium der Kunstgeschichte in London hat sie ein Jahr für Vice Deutschland und anschließend für Arte gearbeitet. Dort hat sie bei Kulturkritiken und Künstlerporträts Regie geführt und später auch eigenständig produziert. Nach einem Dokumentarfilmstudium an der New Yorker School of Visual Arts drehte sie ihren ersten abendfüllender Dokumentarfilm „Oma & Bella“, der auf der Berlinale (Sektion Kulinarisches Kino) uraufgeführt wurde und für den sie den Grimme-Preis gewann. Das gleichnamige Kochbuch zum Film ist bereits in der dritten Auflage erschienen.

Karolinskis filmische Arbeit reicht von dokumentarischen und experimentellen Formen bis zu kommerziellen Modeprojekten und wurde u.a. im er Museum of Art and Design in New York, dem Moma-PS1, dem Centre Pompidou in Paris sowie der Berlin Biennale gezeigt. Für Condé Nast’s M2M drehte sie den dokumentarischen Kurzfilm “Fashion at War“ über die Verwicklungen von Hugo Boss mit dem Dritten Reich.

„Lebenszeichen – Jüdischsein in Berlin“ ist ihr zweiter langer Dokumentarfilm und der zweite Teil einer Trilogie über jüdisches Leben in Deutschland heute.

Filmografie

  • 2018

    „Lebenszeichen – Jüdischsein in Berlin“ (Dokumentarfilm)

  • 2017

    „Fashion at War: Crafting the Nazi Brand“ (Kurz-Dokumentarfilm); „Coco“ (Künstlervideo)

  • 2016

    „Army of Love“ (Künstlervideo; Co-Regie: Ingo Niermann)

  • 2012–18

    Zehn Videos in Kollaboration mit dem Modelabel Eckhaus Latta

  • 2014

    „Fragen an Joshua“ (Kurzfilm; Co-Regie: Ingo Niermann)

  • 2013

    „Becoming Billy Name“ (Kurz-Dokumentarfilm)

  • 2012

    „Oma & Bella“ (Dokumentarfilm)