Zaunwerk

von Felix Rexhausen

Gebunden, 224 Seiten

Zum Buch im Salzgeber.Shop

Zaunwerk

Felix Rexhausen, Journalist, Satiriker, Lyriker und Romanautor (1932 – 1992), war einer der ersten offen schwulen Autoren der Nachkriegszeit. Er ist bereits mit dem Roman „Lavendelschwert“ und dem Erzählband „Berührungen“ in der Bibliothek rosa Winkel vertreten. „Zaunwerk“ ist der seinerzeit nicht veröffentlichte Vorläufer dieser beiden Bücher, wiederentdeckt vom Literaturwissenschaftler Benedikt Wolf. Schon 1964 abgeschlossen, entfaltet das Buch ein Panorama vom Leben der Homosexuellen der alten Bundesrepublik, ihrem Leben im Versteck, ihren kleinen Freiräumen und großen Sehnsüchten.
Für Benedikt Wolf ist „Zaunwerk“ ein „schwuler Pioniertext im emphatischen Sinne“, der es mehr als verdient hat, fast sechs Jahrzehnte nach seiner Entstehung „aus dem Schrank“ kommen zu dürfen.

LESEPROBE
Einleitung zu „Zaunwerk“ von Felix Rexhausen

Das Gesträuch ist überall. Wenn Sie hineinsähen,
Sie würden Ihren Sohn, Ihren Freund,
Ihren Bruder entdecken. Wenn Sie hineinsähen,
Sie würden sich abwenden. Wenn Sie hineinsähen,
Sie würden finden, daß so niemand leben darf.
Und tiefer verlören sich die Schatten in das Gesträuch.

Dieses Buch ist kein Roman, enthält keine Sammlung von poetischen Reflexionen oder Erzählungen, bietet nichts, was Anspruch darauf erhöbe, Gegenstand einer literarischen Diskussion zu werden. Ihm geht es lediglich darum, einen bestimmten Ausschnitt gesellschaftlicher Wirklichkeit zu zeigen, und wenn man gemeinhin eine Arbeit, die in nichtwissenschaftlicher Weise Antwort gibt auf die Frage „Wie leben Leute, die und die Leute?“ eine Reportage nennt, dann ist diese Arbeit eine Reportage. Sie unterscheidet sich von anderen Reportagen lediglich durch einen Mangel an Präzision, insofern sie die Identität von Orten und Personen im Unbestimmten läßt; dies freilich war angesichts des Themas unvermeidlich.

Das Thema, zu dem hier berichtet wird, ist die Lebenswirklichkeit der Homosexuellen, und die Antwort, die dieser Bericht versucht, ist eine Antwort auf die Frage: „Wie leben Homosexuelle – hier, in dieser Gesellschaft der Bundesrepublik, heute, in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts?“

Mein Bericht ist trocken und streckenweise vermutlich langweiliger, als mancher Leser erwartet. Er ist weder mit psychologischen und soziologischen Analysen garniert noch kann er mit irgendwelchen sensationellen Enthüllungen aufwarten. Er hat kein „Anliegen“: Er will weder etwas beschönigen und verklären noch jemanden anklagen; er will überhaupt nichts anderes, als die Wirklichkeit abschildern. Ich stelle Szenen dar, von denen keine erfunden ist, ich gebe Beobachtungen wieder, ohne Spekulation und ohne Kommentar, ich sage: „So leben, so verhalten sich Leute“; ich greife nichts an, ich werbe für nichts – es sei denn dafür, daß man die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen möchte: eine Wirklichkeit, die für Tausende und Tausende die Wirklichkeit ihres Lebens ist.

So wie jemand, der sich in einem fremden Lande aufhält, für seine Bekannten daheim ein paar Szenen von der Straße, vom Markt, aus den Häusern aufschreibt, um so einen Eindruck von dem alltäglichen Leben dieses Landes zu geben, so habe ich hier eine Reihe von Szenen aufgeschrieben, die zusammen ein mosaikartiges Bild von jenem unbekannten Land liefern, das mitten in unserer Gesellschaft liegt –
einem Land, aus dem keine Nachrichten herausdringen und in das kein Fremder eindringen kann. Dieser Bericht ist nicht geschrieben, um irgendwen oder irgendetwas sympathischer, ja noch nicht einmal, um irgendwelche Personen oder ihr Verhalten verständlicher zu machen; wohl aber denke ich, daß er in der gegenwärtigen Diskussion um die Homosexualität manche Vorstellung zurechtrücken kann – sowohl bei denen, die in diesem Bereich die bloße moralische Verderbtheit wittern und also attackieren wollen, wie
bei denen, die wohlmeinend auf den seelischen Reichtum lebenslanger Partnerschaften von Homosexuellen hinweisen, annehmend, dies sei der Regelfall, und für vergänglichere Beziehungen, zumal solche zwischen Älteren und Jüngeren, die alten Griechen zu Zeugen anrufen. Aber wir sind nicht
die alten Griechen; solche und manche andere Vorstellung entspringen einfach blanker Unkenntnis über unsere Gesellschaft und die Homosexuellen in ihr.

Soweit meine Darstellung Wiederholungen enthält, sind diese weder der Nachlässigkeit des Autors noch seinem Sinn für Marotten zu danken – sie sind bei der Abschilderung von Wirklichkeit einfach unvermeidlich: Was häufig vorkommt, muß auch häufig genannt werden. Im übrigen muß ich
darauf hinweisen, daß mein Bericht insofern nicht ganz vollständig ist, als er nur die „mittlere Ebene“ berücksichtigt, nur vom „Durchschnitt“ handelt – ich führe weder die mit der Homosexualität verknüpfte kriminelle Unterwelt vor noch spreche ich über die Klicken- und Günstlingswirtschaft, die einflußreiche Invertierte sicher auch in Deutschland unterhalten; über beides habe ich zu wenig konkrete Informationen, und zudem schien es mir wichtiger, von dem alltäglichen Leben der Vielen zu reden als das Augenmerk auf das in diesem Bereich Exzeptionelle zu lenken.

Zum Abschluß sei noch einmal betont, daß mit Ausnahme der handelnden Personen nichts in der folgenden Darstellung erfunden ist.