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Du sollst nicht lieben

ein Film von Haim Tabakman

Israel / Frankreich / Deutschland 2009, 90 Minuten, deutsch-hebräische Originalfassung mit teilweise deutschen Untertiteln

FSK 12

Kinostart: 20. Mai 2010

mit Zohar Strauss, Ran Danker, Tinkerbell u.a.

Du sollst nicht lieben

Aaron ist ein angesehener Fleischer in der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in Jerusalem. Der Ehemann und Vater von vier Kindern gerät in eine tiefe Krise, als er sich in Ezri verliebt – einen 22-jährigen Studenten, der ihm in seinem Geschäft aushilft. Zunächst begreift er seine Gefühle als religiöse Herausforderung, doch als beide Männer schließlich ihrer Leidenschaft nachgeben, wächst der Druck der Gemeinde auf Aaron. Da er keinen Weg sieht, seine Gefühle mit den religiösen Regeln in Einklang zu bringen, fasst er einen radikalen Entschluss.

Haim Tabakmans erster Spielfilm erzählt das Drama eines Mannes, der seinen Glauben mit seiner Leidenschaft zu vereinbaren sucht, und berührt ein Tabu – Homosexualität im ultraorthodoxen Judentum. Nach der Uraufführung von „Du sollst nicht lieben“ in der Reihe „Un Certain Regard“ beim Festival de Cannes reagierte die internationale Presse (u.a. sämtliche großen Tageszeitungen in Frankreich) begeistert, stellte die Zurückhaltung und inszenatorische Strenge des Films heraus und verglich die emotionale Kraft einer Liebesgeschichte in einer feindlichen Umwelt mit Ang Lees „Brokeback Mountain“.

Trailer

Interview
im Gespräch mit Einayim Pkuhot

„Du sollst nicht lieben“ ist Ihr erster langer Spielfilm. Wie sind Sie zum Filmemachen gekommen?
Als Teenager wollte ich erst Musiker werden. Mit 21 oder 22 musste ich mir dann eingestehen, dass die Musik nicht alles für mich war. So kam ich zum Filmemachen, da es mit dem Schreiben, mit Bildern und natürlich auch mit Musik zu tun hat – das kam meiner kreativen Energie entgegen. Ich habe dann Film an der Universität von Tel Aviv studiert und erhielt die unglaubliche Möglichkeit, meine ersten Kurzfilme in Cannes zu präsentieren.

Wie kam es zu diesem Spielfilmprojekt?
Zuerst gab es ein Drehbuch, das Merav Doster vor sieben Jahren geschrieben hatte. Der Produzent Rafael Katz kam daraufhin auf Merav zu und schlug ihr vor, daraus eine 50-minütige TV-Fassung zu entwickeln. Dann bekam er eine Förderungszusage vom Israel Film Fund. Sie suchten gemeinsam nach einem Regisseur und über einen Bekannten an der Uni lernten Rafael und ich uns kennen. So kam ich zum TV-Projekt, und ich war sehr glücklich darüber, denn mehr als zwei Kurzfilme hatte ich ja bis dahin nicht gemacht. Ich sah sofort das Potential des Buchs und fühlte mich geehrt.

Haben Sie das Buch für die Kinofassung mit Merav gemeinsam noch einmal überarbeitet?
Das war sehr kompliziert. Neben Merav und Rafael war außerdem der französische Produzent David Barrot am Drehbuch beteiligt und als ich vor einem Jahr dazukam, wollte ich auch noch ein paar Dinge anders haben. Und so haben wir alles noch einmal überarbeitet und am Ende ist es eine Gruppenleistung geworden, in der von jedem etwas übernommen wurde.

Basiert die Geschichte eigentlich auf einer wahren Begebenheit?
Das glaube ich nicht. Es stimmt zwar, dass wir etwas erzählen, das jederzeit passieren könnte, aber es gab kein historisches Ereignis, an dem wir uns orientiert hätten. Merav hat viel Zeit mit der Recherche verbracht und auch ich habe mit vielen Leuten gesprochen… Wenn du deine Zeit abgeschieden mit vielen anderen Jungs in einer Yeshiva (einer religiösen Schule) verbringst, passiert das ziemlich häufig. Da geht es ständig um das Experimentieren und den Umgang mit allen möglichen Fragen der Sexualität. Aber das Hauptproblem dieser Art von Leben ist ja, dass religiöse Menschen Homosexualität gar nicht als Sünde begreifen – sie existiert einfach nicht für sie. Wie also soll man mit etwas umgehen, von dem geschrieben steht, dass es gar nicht existiert? Im Talmud steht, dass die Söhne Israels noch nicht mal in den Verdacht geraten, so etwas zu tun. Gott hat diese Dinge nicht vorgesehen. Wenn du zu einem religiösen Menschen gehst und ihn fragst: „Ich bin schwul – was soll ich tun?“, wird er antworten: „Wer in Versuchung gerät, sollte um seine Pflicht gegenüber Gott und der Gemeinschaft wissen.“ Für sie ist das einfach ein böser Drang. Schwul sein ist wie eine Krankheit, die man auf einfache Art und Weise loswerden kann. Völlig ausgeschlossen, dass das Teil des menschlichen Wesens sein könnte.

Sie sagen über den Film: „Je näher an der Sünde, desto näher an Gott.“ Was meinen Sie damit?
Als religiöser Mann hat man zwei Möglichkeiten, die unvereinbar sind: Entweder man kämpft gegen die inneren Kräfte, oder man ist authentisch, akzeptiert sie und verliert dadurch seinen Bezug zur Religion. Religiöse Regeln sind konkrete Lebenshilfen: Sie geben einen Rahmen und eine Bedeutung vor. Aber wie jeder andere auch ist der religiöse Mensch ständig mit Sünden konfrontiert und muss sich darüber definieren. Je näher du an der Gefahr bist, eine Sünde zu begehen, desto mehr bist du dir bewusst, wer du bist, was gut sein und schlecht sein heißt. Je näher du an der Sünde bist, desto mehr erfährst du über dein religiöses Wesen… Aaron lässt Ezri in sein Leben hinein, weil er hofft, dadurch eine religiöse Wiedererweckung zu erleben. Er weiß, dass er da konkrete sexuelle Wünsche überwindet.

Wenn man einen Film über eine Liebesgeschichte zweier religiöser Männer macht, weiß man, dass man ein Tabu berührt, oder?
Ja, klar. Einige Leute aus der religiösen Welt haben uns sehr geholfen, aber niemand von ihnen wollte in den Titeln als Berater genannt werden. Es gibt eine wirklich starke negative Energie diesem Thema gegenüber. Wenn du Teil der orthodoxen Welt sein willst, gibt es keinen Weg, diesen Konflikt zu bereinigen. Bist du drinnen, ist Homosexualität inakzeptabel. Aaron will sowohl in der Gemeinschaft bleiben als auch authentisch sein. Also muss er den Preis dafür zahlen – den religiösen Bezugsrahmen für sein Leben zu verlieren, um er selbst zu sein. In der Regel entscheiden sich die gläubigen Menschen nicht für den Kampf. Sie führen ein Doppelleben und geben ihre Authentizität auf.

Der internationale Titel „Eyes Wide Open“ (Mit weit offenen Augen) spielt ja genau darauf an. Mit den „Augen“ ist wohl die Gemeinschaft gemeint …
Ja, die Augen der Gemeinschaft, die Augen Gottes, aber nicht nur die. Für mich soll das auch heißen, dass man den Glauben akzeptiert und das eigene Selbst. Die beiden Helden tauchen ein in ihre Liebesbeziehung und wissen doch genau, dass es keine reelle Möglichkeit gibt, sie zu leben. Den Glauben akzeptieren: Du siehst ein Auto auf dich zu rasen und behältst dennoch deine Richtung bei. Du gehst nicht von der Straße. Du weißt genau, was los ist, aber du kannst nicht stehen bleiben.

Wie kann man die beiden Hauptfiguren Aaron und Ezri interpretieren?
Die sind beide sehr stark. Aaron ist ein verschlossener Mensch, auf seine Art fast fanatisch. Er akzeptiert die Regeln der religiösen Welt und in seiner Verweigerung, ein Doppelleben zu führen, liegt eine große Stärke. Er scheint in seiner Jugend eine sehr bewusste Entscheidung getroffen zu haben, vielleicht als Reaktion auf seinen Vater und dessen Welt… aber da sollten wir Aaron selbst fragen… Ezri ist ein „angry young man“, so wie James Dean in „Rebel Without A Cause“. Schwul sein ist für ihn kein Grund, von seinem Glauben abzulassen. Er handelt klug und religiös in vieler Hinsicht, quasi ein Ein-MannRevolutionsmechanismus. Die beiden ziehen sich an, weil sie so unterschiedlich sind. Wie eine chemische Reaktion. Jeder kann den Schutzwall des anderen zum Einsturz bringen. Ezri will Aaron wach schütteln, aufwecken. Er ist zwar jünger als Aaron, aber er weiß irgendwie, dass er selbstbewusster und authentischer ist und deswegen Macht über ihn hat. Gleichzeitig braucht er aber einen sicheren Ort, denn er ist in dieser Welt nicht sicher. Und er kann nicht zurück. Er weiß eigentlich überhaupt nicht wohin, aber er hat Mut und ist furchtlos. Das ist in unserer Welt nicht anders – die religiöse Welt ist nur ein extremes Beispiel für etwas, das auch zu unseren Erfahrungen gehört.

Glauben Sie, dass Rivka versteht, was zwischen Aaron und Ezri abläuft?
Menschen, die miteinander zusammenleben, fühlen das. Sie weiß das und ist Teil der Geschichte. Sie weiß, dass ihr Ehemann sie nicht so liebt wie er sollte. Sie akzeptiert das, denn das gehört zu den Regeln. Ich glaube, Sie hat ein großes Herz, denn sie ist nicht wirklich wütend. Sie lässt ihm einen Entscheidungsfreiraum.

Und wie ist die Reaktion der Gemeinschaft zu verstehen? Die ist ja sehr gewalttätig …
Die Gewalt eskaliert, weil Aaron nicht gehen will. Es fängt mit dem Verdacht an. Sie reden mit ihm, versuchen ihn ruhig zu stellen, sie kümmern sich um ihn. Du bist in dieser Gesellschaft nie allein, da sich die anderen immer für dein Leben interessieren. Sie kümmern sich um dich, wenn du arm bist oder krank, du bist nie allein, du musst nicht hungern. Auf der anderen Seite wissen Sie immer über dich Bescheid und sie bewerten, was du tust. Wenn du starrköpfig darauf beharrst, die Dinge „auf deine Weise“ zu regeln, fängt der Ärger an. Genau das passiert in diesem Film. Aaron macht sehenden Auges einfach weiter, selbst als die Wahrheit schon bekannt wird. Der Film ist hier recht offen und erzählt nicht alles – das muss man selbst weiterdenken.

Glauben Sie, dass der Film in der religiösen Welt und in den jüdischen Gemeinden Kontroversen auslösen wird?
Das hoffe ich! Ich möchte dieses Schweigen brechen, dieses Tabu in der ultraorthodoxen Gemeinschaft. Dieser Film könnte zur Entwicklung der orthodoxen Welt beitragen. So wie die gläubigen Menschen heute leben, war es in Jerusalem schon immer. Das ist eine Reaktion auf die Angst vor dem Verlust der Tradition. Aber es geht doch eigentlich um Menschen, nicht um Sünden. Man kann Menschen überzeugen, ohne Gewalt anzuwenden, nur durch das Zeigen: „So was existiert!“ Und wenn jemand zum ersten Mal sagt: „Ja, ich weiß, das existiert“, dann haben wir gewonnen! Zu merken, dass so was existiert, ist besser, als gar nicht zu existieren.

Sie haben großartige Darstelller ausgewählt: Ran Danker zum Beispiel, der in Israel ein berühmter Schauspieler und Sänger ist, und Zohar Strauss …
Mit beiden zu arbeiten war toll. Diese riskanten Rollen zu akzeptieren, war mehr als großzügig. Sie haben ein religiöses Tabu gebrochen. Sie haben sich mit ihren Rollen identifiziert. Sie sind Teil der Kraft des Films. Zohar ist sanft und ruhig, mit einer dunklen Kraft, die dahinter liegt. Ran wird von der Kamera geliebt. Er ist ein unglaublich intuitiver Schauspieler. Ohne jede Hemmungen, wie Ezri.

Das Interview führte Thierry Colby.

Credits

Cast

Aaron

Zohar Strauss

Ezri

Ran Danker

Rivka

Tinkerbell

Rabbi Vaisben

Tzahi Grad

Mordechai

Isaac Sharry

Crew

Regie

Haim Tabakman

Buch

Merav Doster

Kamera

Axel Schneppat

Schnitt

Dov Steuer

Musik

Nathaniel Mechaly

Ausstattung

Avi Fahima

Kostüme

Yam Brusilovsky

Sounddesign

Gil Toren

Ausführende Produzenten

Itai Tamir, Christian Vennefrohne

Produktion

Rafael Katz, Michael Eckelt, Isabelle Attal, David C. Barrot

eine Produktion von Pimpa Film Productions
mit Riva Filmproduktion GmbH und Totally Prod.,
koproduziert von ZDF – Das kleine Fernsehspiel
in Zusammenarbeit mit Arte sowie Yes und Keshet Broadcasting.

mit freundlicher Unterstützung durch den Israel Film Fund und die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein.

im Verleih von Salzgeber