Zärtlichkeit – La Tendresse

ein Film von Marion Hänsel

Belgien/Frankreich/Deutschland 2013, 78 Minuten, deutsche Synchronfassung und französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

FSK 0

Kinostart: 24. April 2014

mit Maryline Canto, Olivier Gourmet, Adrien Jolivet, Margaux Chatelier, Sergi Lopez

Zärtlichkeit – La Tendresse

Jack (Adrien Jolivet), der Sohn von Lisa (Maryline Canto) und Frans (Olivier Gourmet), liegt nach einem Skiunfall in einem Krankenhaus in den französischen Alpen. Da keine Versicherung seinen Rücktransportiert übernehmen will, machen sich die beiden geschiedenen Eltern aus Brüssel auf, um ihn zurückzuholen.

Seit fünfzehn Jahren leben die etwas chaotische Lisa und der halsstarrige Frans ihr eigenes Leben, aber die Liebe zu ihrem Sohne schweißt sie wieder zusammen. Auf der Fahrt hin und zurück erinnern sie sich an früher und werden wieder neugierig aufeinander. Eine Familie aus drei eigenständigen Menschen, vom Leben getrennt, aber in Zärtlichkeit verbunden.

Director’s Statement
Marion Hänsel über ihren Film

Ich wollte eine einfache, lineare Geschichte schreiben, die sich an zwei Tagen ereignet. Eine Geschichte, die von Menschen wie du und ich handelt. Zufriedene Menschen, die, wie wir alle, kürzere und längere Phasen von Schmerz und Traurigkeit erleben. Außerdem wollte ich humorvoll über Eltern-Kind-Beziehungen sprechen, ohne die großen intergenerationalen Krisen.

Ich hatte viele Filme über Trennungen gesehen, die hässlich enden. Männer und Frauen, die einander geliebt hatten, die Kinder aufzogen, und die – kaum dass sie sich getrennt hatten – anfingen, sich zu hassen, sich zu verletzen und sich aus dem Wege zu gehen. Mir kam das seltsam vor. Hatten sich all diese Menschen geirrt? Wie kann sich Liebe derartig in ihr Gegenteil verkehren? Mir fehlte ein Film, der von einer erfolgreich verlaufenden Scheidung erzählt, nach der sich die Partner nach wie vor unterstützen, einander Wertschätzung entgegenbringen, sich immer noch lieben.

„Zärtlichkeit“ zu schreiben, als Mix aus romantischer Komödie und Road-Movie, war eine neue Erfahrung für mich. Die Geschichte spielt sich während der Autofahrt eines Paares ab. Die Landschaft, die Natur spielen eine bedeutende Rolle dabei. Meine vorherigen Filme waren ruhig, introvertiert. In „Zärtlichkeit“ reden die Figuren, teilen. Die Dialoge sollten leicht sein, manchmal bissig, manchmal witzig. Ich wollte, dass die Zuschauer davon berührt, aber auch zum Lächeln gebracht werden.

Der Stil des Films ist klar und einfach. Eine diskrete Kamera, die so tut, als sei sie gar nicht da. Es ist nicht so einfach, im Auto zu filmen – es fehlt die Distanz und nur wenige Bewegungen sind möglich. Ich habe mich für den Wechsel von verschiedenen Nahaufnahmen entschieden, von Gesichtern, von Händen auf dem Steuerrad, von Feuerzeug und Zigarette. Frans’ Blicke sind konzentriert, Lisas verträumt und fragend, kombiniert werden sie mit weiten Einstellungen auf das Auto in der Landschaft. Ein gutes Beispiel für diesen Stil alternierender Einstellungen ist der russische Film Stille Seelen von Alexei Fedortschenko.

Nicht zufällig habe ich genau dieses Winterport-Ressort ausgewählt: Flaine in den französischen Alpen, gebaut in den 1970ern von Marcel Breuer, seinerzeit revolutionär. Komplett aus Sichtbeton gebaut, mit der zentralen Eislaufbahn und den metallenen Treppen, die die verschiedenen Ebenen verbinden. Skulpturen von Picasso, Vasarely und Dubuffet. Heute scheint es schlecht gealtert und wirkt wie ein UFO. Es gibt keinerlei nostalgischen Charme dabei, keine Holzschlösser, keine kleinen Savoyendörfer mit einer Kirche in der Mitte. Eigenartigerweise bringt aber gerade der Kontrast zum grauen Sichtbeton die Schönheit der Berge und der natürlichen Umgebung besonders gut zur Geltung.

Der Soundtrack besteht eigentlich nur aus der Musik, die im On im Auto gespielt wird. Klassische Musik auf dem Hinweg, Weltmusik auf dem Rückweg. Ein wenig Originalmusik wurde von René-Marc Bini im Country-Folk-Stil beigetragen.
Das Team bestand nur aus Freunden. Es gab keine Veranlassung, auf die Menschen zu verzichten, mit denen ich schon so lange so eng zusammenarbeite: Jan Vancaillie und Didier Frateur (Kamera), Henri Morelle (Ton), Michèle Hubino (Schnitt), Jan Tax (Kostüme), Dominique Guerrier (Regieassistenz), Thierry Leproust (Szenenbild), René-Marc Bini (Musik), Monique Marnette (Produktionsleitung).

Eine besondere Freude war es, mit zwei so renommierten und talentierten Schauspielern wie Marilyne Canto und Olivier Gourmet zu arbeiten.

Das Storyboard entstand, wie immer bei mir, ein oder zwei Monate vor Drehbeginn, am Drehort. Der Prozess ist ein Schreiben in Bildern. Regieführen ist für mich keine intellektuelle Arbeit, sondern physisch, organisch. Ich bewege mich in den Sets, sehe durch den Kameraausschnitt, probiere verschiedene Blickwinkel aus, nehme die unterschiedlichen Perspektiven der Figuren ein, überlege, welcher Dialogsatz in welches Bild passt und wann wir zum nächsten Bild weitergehen.

Ich möchte, dass „Zärtlichkeit“ ein Feel-Good-Movie ist. Ein Film, der die Zuschauer glücklich macht, auch wenn die Geschichte manchmal nostalgisch eingefärbt ist.

Biografien

Marion Hänsel wurde 1949 in Marseille geboren und wuchs in Antwerpen auf. Sie begann eine Schauspielausbildung am IAD (Institut des Arts de Diffusion) in Brüssel, bewarb sich allerdings ohne Abschluss am Théâtre des Galeries und am Théâtre des Quatre Sous. Da sie Filmschauspielerin werden wollte, ging sie nach New York und belegte einen Kurs an Lee Strasbergs Actor’s Studio. Wieder in Europa besuchte sie die Artistenschule von Annie Fratellini in Paris. Sie schrieb das Drehbuch zum Kurzfilm „Equilibres“, den sie ohne Förderung mit ihrer eigenen Produktionsfirma Man’s Films 1977 realisieren konnte. In den 1970er Jahren war sie außerdem in mehreren Filmen als Schauspielerin zu sehen, u.a. in „Berthe“ von Patrick Ledoux und in „Die Eine singt, die Andere nicht“ von Agnès Varda. 1982 drehte Hänsel ihren ersten Langspielfilm, „Die Kraft der Liebe“ („Le Lit“), die Verfilmung eines Romans von Dominique Rollin. Wieder musste sie den Film selbst produzieren, der finanziell zwar kein Erfolg war, allerdings für den Prix Cavens (Bester belgischer Film) nominiert wurde.
1984 verfilmte sie mit „Im Herzen des Landes“ („Dust“) einen Roman des späteren Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee und wurde dafür mit dem Silbernen Löwen beim Internationalen Filmfestival in Venedig ausgezeichnet (die erste Auszeichnung für einen belgischen Film dort überhaupt). Auch international war der Film mit Trevor Howard und Jane Birkin in den Hauptrollen erfolgreich. 1987 folgte Les noces barbares, die Verfilmung des 1985 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Romans von Yann Queffelec. Im gleichen Jahr wurde Marion Hänsel in Belgien zur „Frau des Jahres“ gekürt und übernahm 1988 die Leitungsfunktion der wallonischen Filmförderung (bis 1990, außerdem 1996–97 und 2002–03).
Ihre nächsten Filme waren „Il Maestro“ (1989), „Verschwörung der Kinder“ („Sur la terre comme au ciel“, 1991), „Der Teufel und die tiefe blaue See“ („Between the Devil and the deep blue sea“, 1995, Wettbewerb der internationalen Filmfestspiele in Cannes), „The Quarry“ (1998, Grand Prix des Amériques à Montréal), der Dokumentarfilm „Wolken – Briefe an meinen Sohn“ („Nuages: lettres á mon fils“, 2001) und schließlich „Als der Wind den Sand berührte“ („Sie le vent soulève les sables“, 2006). Zuletzt kam Hänsels Mingarelli-Verfilmung „Schwarzer Ozean“ („Noir Océan“, 2010) in die Kinos.
Mit ihrer Produktionsfirma Man’s Films ist Hänsel sehr aktiv an der Förderung des belgischen Filmschaffens und an der Finanzierung europäischer Spielfilme beteiligt. Sie war u.a. Co-Produzentin von „Blueberry Hill“, „Sommer wie Winter …“, „25 Grad im Winter“ und der Filme von Danis Tanovic (u.a. des Auslands-Oscar-Preisträgers „No Man’s Land“, 2001).

Marilyne Canto. Geboren 1963. Nachdem sie als Jugendliche bereits in Michel Langs Film „L’Hotel de la plage „(1978) debütierte und anschließend in der Erfolgsserie „Pause-Café“ zu sehen war, begann sie eine Schauspielausbildung am Nationaltheater Straßburg (Abschluss 1990). Sie arbeitete mit einigen Filmemachern des jungen französischen Kinos zusammen: Manuel Poirier, Jean-Claude Biette und vor allem Dominique Cabrera, deren Rollen Canto bekannt machten: die leidenschaftliche Gewerkschafterin Nadia in „Nadia und der große Streikt“ (1999) und die sich aus dem Staub machende Mutter in „Milch der Zärtlichkeit“ (2001). Es folgten Auftritte in Filmen u.a. von Raoul Ruiz, Cédric Klapisch, Claude Chabrol, Jacques Doillon, Philippe Garrel und Maïwenn, seit 1987 auch eigene Kurzfilme: „Nouilles“ (1987), „Fais de beaux rêves“ (2005 – César für den besten französischen Kurzfilm), „Oui, peut-être“ (2007) und „C’est d’accord“ (2007). Zuletzt spielte sie die Hauptrolle in ihrem ersten eigenen Langspielfilm „Le sens de l’humour“, der in Locarno für den Goldenen Leoparden der Sektion „Filmemacher der Gegenwart“ nominiert wurde.

Olivier Gourmet. Geboren 1963 im belgischen Namur. Studierte Schauspiel am königlichen Konservatorium in Lüttich, wo er die beiden Filmemacher Jean-Luc und Pierre Dardenne kennen lernte, mit deren Filmen er international bekannt wurde: „Das Versprechen“ (1996), „Der Sohn“ (2002), „Das Kind“ (2005), „Lornas Schweigen“ (2008) und „Der Junge mit dem Fahrrad“ (2011). Weitere Zusammenarbeiten mit renommierten Filmemachern: „Am achten Tag“ (Jaco van Dormael, 1996), „Wer mich liebt, nimmt den Zug“ (Patrice Chéreau, 1998), „Lippenbekenntnisse“ (Jacques Audiard, 2001), „Wolfzeit“ (Michael Haneke, 2003), „Die Axt“ (Costa-Gavras, 2008) und „Home“ (Ursula Meier, 2008). Für seine Darstellung in „Der Sohn“ wurde Gourmet 2002 mit dem Europäischen Filmpreis als bester Darsteller und mit dem Darstellerpreis in Cannes ausgezeichnet, für die Titelrolle in „Der Aussteiger“ (Pierre Schoeller, 2011) wurde er für den César und den Prix Lumière ausgezeichnet. Mit Marilyne Canto spielt er bereits in „Milch der Zärtlichkeit“ (2001) zusammen.

Adrien Jolivet. Der Sohn des Filmemachers Pierre Jolivet wurde 1981im französischen Suresnes geboren und kam frühzeitig mit dem Film in Verbindung. Nach zweijährigem privaten Schauspielunterricht und einigen Theaterrollen wurde 2003 zum ersten Mal in der Hauptrolle einer TV-Produktion besetzt (Fragile). 2004 war Jolivet zum ersten Mal im Kino zu sehen („La première fois que j’ai eu 20 ans“), ein Jahr später wurde er für seine Darstellung in „Zim and Co.“, einem Film seines Vaters, für den César-Nachwuchspreis nominiert. 2007 spielte er neben Cathérine Deneuve in Gaël Morels Spielfilm „Der Tag, der alles veränderte“, neben Marilyne Canto 2011 in „Der Schnee am Kilimandscharo“ von Robert Guédiguian. In Marion Hänsels Vorgängerfilm „Schwarzer Ozean“ spielt Jolivet eine der beiden Hauptrollen. Er ist außerdem Gitarrist und Sänger der Gruppe Jolijo und Komponist