Schwule Nachbarn

Diverse Autoren

Buch/Broschur, 267 Seiten

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Schwule Nachbarn

Einundzwanzig wohlbekannte Autor*innen, darunter Christine Wunnicke, Anwärterin auf den Deutschen Buchpreis 2020, machen sich aus heterosexueller Sicht ihre Gedanken über die Schwulen von nebenan. Bei diesem Thema hat die deutsche Gegenwartsliteratur durchaus Nachholbedarf.

Heide Soltau urteilte über dieses Buch auf WDR 3: „Selbst aufgeklärte Menschen geraten da mitunter ins Schleudern. Es sind die leichten, komischen Geschichten, die vielleicht am meisten darüber verraten, wie tief die Klischees und Vorurteile im gesellschaftlichen Bewusstsein stecken. Denn mal ehrlich, wenn wir uns vorstellen, wie Schwule zusammen leben, machen wir uns da nicht alle die tollsten Gedanken?“

Mit Beiträgen von Matthias Altenburg, Dorothea Dieckmann, Ursula Fricker, Barbara Frischmuth, Doris Gercke, Gunter Gerlach, Kerstin Hensel, Bodo Kirchhoff, Judith Kuckart, Sabine Peters, Hermann P Piwitt, Alexander Posch, Ingo Schulze, Peter Stamm, Uwe Timm, Tina Uebel, Regula Venske, Michael Weins, Ulrich Woelk, Christine Wunnicke, Feridun Zaimoglu.

LESPROBE
Auszug aus „Orchideen“ von Christine Wunnicke

Es war während eines nachbarschaftlichen Hoffestes, dass Beck, der Lehrer war und Sommerferien hatte, sich dazu bereit erklärte, ja zur Verwunderung der Umsitzenden geradezu aufdrängte, die Toilettenspülung des Schwulen zu reparieren, mit deren technischen Feinheiten der Schwule selbst sich ganz und gar nicht anzufreunden vermochte. Ich schaue sie mir gerne an, sagte Beck und wiederholte, gerne, gerne, bis der Schwule gar nicht anders konnte, als sich schon im Voraus zu bedanken.

Der Schwule hieß Schmitt. Er machte etwas mit IT. Software und nicht Hardware und ganz gewiss nichts, was handwerkliches Geschick erforderte, wie er seine Verzweiflung an der Toilettenspülung entschuldigte. Herr Schmitt war ein großer, dünner Mann mit hohen Hüften und erstaunlich wenig Gesäß. Seine Jeans gingen hinten direkt vom Bund in die Hosenbeine über. Das war der auffallendste Zug von Herrn Schmitt. Nicht, dass Beck etwa sein Gesäß studierte, wenn er hinter ihm die Treppe hinaufstieg, was gingen ihn die Gesäße seiner Nachbarn an. Doch sonst war auch gleich gar nichts Erstaunliches an Herrn Schmitt.

Warum man wusste, dass er schwul war, wusste man nicht genau. Beck vermutete, seine Frau habe es vielleicht zuerst gewusst, da sie in ihrem Kopf ein perfektes Schwulenradargerät eingebaut hatte, wie sie sagte, und dann hatten es auch die anderen Nachbarn allmählich erfahren. Herr Schmitt sprach es nicht an, aber das verwunderte nicht. So viel redete man auch wieder nicht miteinander in diesem Haus und selbst bei dem jährlichen Hoffest, wo alles lockerer wurde, musste er ja schließlich nicht jeden Satz mit Ich als Schwuler … beginnen, wenn das gar nicht das Thema war, und so besonders viel sagte Herr Schmitt sowieso nicht. Direkt beim Schwulsein ertappen ließ er sich auch nicht; wobei man ja weiß, dass Schwulsein kein Akt ist, sondern ein Lebensstil oder eine Veranlagung oder ein Lebensstil und eine Veranlagung oder zumindest eine Veranlagung oder was auch immer.

Alle im Haus waren nett zu Herrn Schmitt, vielleicht auch ein bisschen extra nett; Schwule haben es nämlich leider noch immer schwer und da muss man es ihnen nicht noch schwerer machen. Becks Verlangen nach Schmitts hartnäckig tropfender und brodelnder, wie er das allen Ernstes beschrieb, nach seiner nachts lautstark brodelnder Toilettenspülung war dann allerdings doch fast befremdlich und es gab ein kurzes Schweigen an dem Tisch neben dem Grill bei dem jährlichen Hoffest, und dann sagte auch noch Becks Tochter, Papa hat doch null Ahnung von Apparaten, und lachte in das Schweigen hinein.

Einer der Gründe neben der nachbarschaftlichen Nettigkeit und vielleicht sogar der einzig wahre Grund für Becks Interesse an Schmitts Badezimmer waren die Orchideen. Becks Frau hatte davon erzählt. Bevor sie Becks Frau geworden und Becks Tochter bekommen hatte, vor dem ganzen Stress mit Kind und Beruf, hatte Becks Frau ein lustiges Leben geführt, wozu auch ein Haufen schwuler Freunde gehört hatte mit ihren schönen Essenseinladungen und ihrer schönen Kultiviertheit; aus dieser Zeit datierte auch Frau Becks unfehlbares Schwulenradargerät.

Gleich zwei ihrer einstmaligen schwulen Freunde hatten im Badezimmer Orchideen gehabt. Nicht eine einzige, mickrige, pflegeleichte, sondern ganze Wälder, wahre Orchideendschungel, teils mit magischer und manischer Energie hochgepäppelt aus tristen Kümmerlingen aus dem Baumarkt; altrosa, schwachlila, wachsweiß gezahnt und in braun-gelb getüpfelter Pracht wie kleine Leoparden schwangen die Blüten in der unvorstellbarsten Weise (erzählte Becks Frau) über Wanne und Klo in diesen beiden Badezimmern, obwohl es dort nicht einmal richtiges Tageslicht gab und das alles botanisch eigentlich gar nicht möglich war.

Wenn ich je einen heterosexuellen Mann treffe, der Orchideen im Bad hat, sagte Becks Frau, dann heirate ich ihn. Sie sagte das aus Versehen im Präsens, sie war ja längst mit Beck verheiratet, und merkte ihren Fehler nicht einmal, das gefiel Beck nicht. Er wartete fast darauf, dass sie gleich noch sagen würde, und wenn ich je einen schwulen Mann treffe, der sich von mir heiraten lässt, dann heirate ich ihn …