Tiefe Wasser

ein Film von Tomasz Wasilewski

Polen 2013, 93 Minuten, polnische OF mit deutschen UT

FSK 16

mit Mateusz Banasiuk, Bartosz Gelner, Marta Nieradkiewicz u.a.

Tiefe Wasser

Leistungsschwimmer Kuba steht unter Druck. Seine Mutter möchte ihren Sohn für sich haben und will, dass Freundin Sylwia auszieht. Sein Trainer will, dass er sich mehr anstrengt. Doch Kuba trifft keine Entscheidungen und entzieht sich den Erwartungen. Dass er leistungssteigernde Mittel nimmt, behält er ebenso für sich wie den schnellen Sex mit Männern im Klo der Schwimmhalle.

Als er in einer Kunstgalerie Michal kennen lernt, scheint zum ersten Mal in Kubas Leben die Möglichkeit auf, sich in einen Mann verlieben. Untertauchen und widerstandslos durchs Leben zu gleiten, funktionieren nicht mehr als Strategie. Sylwia schöpft Verdacht, seine Mutter kann nicht loslassen und für Michal ist kein Platz in seinem Leben reserviert. Verzweifelt sucht Kuba eine Möglichkeit, sich freizuschwimmen.

Tomasz Wasilewskis visuell meisterhaftes und im polnischen Kontext erstaunlich offenherzig erzähltes Drama über die schwule Selbstfindung eines jungen Mannes erhielt auf dem Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary 2013 den Preis der Sektion „East of the West“. Die überragenden Schauspieler vermitteln auf zupackende Weise die Sehnsucht der Jugend nach einem selbstbestimmten Leben und nach sexueller Freiheit.

Trailer

Anmerkungen des Regisseurs
Tomasz Wasilewski über seinen Film

Die Idee
In „Tiefe Wasser“ geht es um Einsamkeit in unserer heutigen Welt. Die Figuren repräsentieren zwei Generationen, die eng miteinander verflochten sind. Gleichzeitig ist jede Figur individuell und sucht nach einem Weg, sich selbst treu zu sein. Aber wenn sich die Traumlandschaften ihres Lebens enthüllen, werden unterschiedliche Wege darin sichtbar. Sie entdecken, dass sie vielleicht weniger miteinander gemein haben, als sie bislang dachten. Und dass es nur wenige Dinge gibt, die man teilen kann.

„Tiefe Wasser“ ist ein Film über das Menschsein an sich. Es geht um die Liebe, um das Fehlen von Liebe und die Suche nach etwas, was sie ersetzen könnte. Es geht um vergeudete Gelegenheiten und verlorene Träume. Um die Welt um uns herum und ihre Fallgruben.

Das Drehbuch
Ich habe an diesem Buch mit der Überzeugung gearbeitet, dass ich eine Lücke im polnischen Kino schließen will, die seit einiger Zeit Probleme beim Aufgreifen zeitgenössischer Stoffe bereitet. Mir war bewusst, dass der Gegenstand einer Liebe, die ‚anders’ ist und um Anerkennung in der Gesellschaft kämpft, in unserer nationalen Filmkultur immer noch ziemlich außen vor liegt. Ich wusste, dass die Geschichte einzigartig und interessant sein müsste, um Menschen dazu zu bringen, von ihrer Sichtweise auf diese Themen abzuweichen.

Ich habe mich darauf konzentriert, den Plot so verlockend wie möglich zu gestalten, um ein möglichst großes Publikum anzusprechen, jüngere und ältere ZuschauerInnen. Mir ging es vor allem um die Bauweise der Erzählung, sie sollte nachvollziehbar sein und für Spannung sorgen, die Fantasie von der ersten Szene an beflügeln.

Außerdem sollten meine Figuren psychologisch verständlich und sozial glaubwürdig sein. Jede von ihnen hat einen tiefen seelischen Bezugspunkt, man sollte spüren, dass man ihnen im wahren Leben begegnen könnte. Ihre Kraft, die sich aus einer genauen Analyse ihrer Eigenarten entwickelt hat, war zentral für mein von Anfang an intendiertes Projekt: einen Film für ein ‚normales’ Publikum zu machen, der eine klare moralische Haltung hat und ungehindert auf den Punkt bringen kann, was unser Leben bestimmt.

Die Inszenierung
Das menschliche Verhalten interessiert mich am meisten – bis hin zu den kleinsten gemeinsamen Verbindungen und den unwichtigsten Details. Ich liebe es, U-Bahn zu fahren, stundenlang, in jeder Stadt, in der ich mich aufhalte. Vor allem die New Yorker U-Bahn ist faszinierend – dort zu Rush-Hour-Zeiten die Menschen zu betrachten und die Intimität, die sich notgedrungen teilen. Mit dem Resultat, dass sich die Befangenheit entweder legt oder sich in gewalttätige Dimensionen steigert. Oft scheint es, dass man in dieser Situation seine Maske als genervter Passant gar nicht mehr aufrechterhalten kann – und dann finde ich die Menschen offen und aufregend.

Einen Film machen ist ein bisschen wie U-Bahn-Fahren. Ich sehe Intimität, Nähe und Wahrhaftigkeit. Im Schreiben und Drehen von „Tiefe Wasser“ wollte ich diese Momente einfangen, die emotionale Öffnung, die Versenkung. Mir ging es nicht um die großen Ereignisse, sondern um die kleinen Dinge, die einer Figur passieren, wenn sie sich zu einer Entscheidung durchringen muss. Im Film wie im wahren Leben bereichert uns der Prozess, nicht das Ergebnis. Nur im Prozess lernen wir, merken wir, wenn sich etwas ändern muss und werden wir wieder wir selbst.

New York war in gewisser Weise eine Inspiration für mich. Mit dreizehn sah ich zum ersten Mal die Hochhäuser und kam zum ersten Mal auf den Originaltitel: „Schwimmende Wolkenkratzer“. Ich beschloss, einmal einen Film mit diesem Titel zu drehen. Natürlich sind die Inspirationen vielfältig: Filme, Filmemacher, Schauspieler, Menschen, die ich treffe. All das ist gleich wichtig. Ich liebe das Kino, ich liebe Filme – so sehr, dass ich manchmal glaube, nur sie halten mich am Laufen. Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ und „Import/Export“, Michael Hanekes „Caché“, Darren Aronofskys „Black Swan“, Steve McQueens „Shame“, Lars von Triers „Melancholia“ und „Dancer in the Dark“, Sofia Coppolas „Somewhere“, Steven Soderberghs „Traffic“, Pedro Almodóvars „Volver“ und Andrea Arnolds „Fish Tank“ sind nur ein paar Filme, die ich liebe und zu denen ich immer wieder zurückkehre.

Casting
Die SchauspielerInnen für die Rollen von Sylwia (Marta Nieradkiewicz), Kubas Mutter Ewa (Katarzyna Herman), Michals Mutter Krystyna (Iza Kuna) und Michals Vater Jacek (Miroslaw Zbrojewicz) standen zuerst fest – die kenne ich alle sehr gut und habe mich sofort um sie bemüht. Katarzyna und Miroslaw haben schon in meinem ersten Spielfilm mitgespielt, ich könnte stundelang Lobeshymnen auf sie singen. Ich weiß, das klingt vielleicht seltsam, aber sie sind einfach sehr aufrichtig mir gegenüber, das ist wichtig. Ähnliches gilt für Marta und Iza. Das sind außergewöhnliche Künstler und als Regisseur gehen mit ihnen alle Träume in Erfüllung. Olga Frycz stieß kurz danach dazu, sie ist wunderbar natürlich und sehr talentiert und war wie geschaffen für die Rolle von Sylwias bester Freundin Monika.

Die beiden Jungs zu finden, war sehr viel schwieriger. Ich habe ein traditionelles Casting gemacht und erst am letzten Tag Bartosz Gelner für die Rolle des Michal gefunden. Zunächst hatte ich ihn für Kuba im Auge, aber sah dann schnell ein, dass er für Michal besser geeignet war. Um Kuba zu finden, musste Bartosz danach fast sechs Stunden lang mit anderen Schauspielern lesen – bis endlich Mateusz Banasiuk auftauchte. Er konnte nur eine halbe Stunde bleiben, weil er zum Theater musste. Zwei Tage später, als ich mir die Probeaufnahmen ansah, stand es außer Frage, dass er der perfekte Kuba sein würde. Es war aufregend zu sehen, wie er diese Figur vom ersten Augenblick an verinnerlicht hatte. Erst später fand ich heraus, dass er und Bartosz eng befreundet sind. Ich bin immer völlig fasziniert von Menschen, die so anziehend sind wie Kuba. Seine Ausstrahlung auf andere ist für die Rolle absolut essentiell. Er ist auf seine Art eine romantische Figur, die all jene zerstört, die ihn lieben.

Was ich bei Schauspielern suche, ist Inspiration und Kreativität. Darüber hinaus sind Vertrauen und Hingabe wichtig für eine intensive Beziehung. Würde man das Vertrauen auch nur für einen Moment verlieren, hätte ich kein Interesse mehr und die Zusammenarbeit würde nicht mehr funktionieren. Für mich ist Filmemachen kein Job, sondern ein Traum, der sich erfüllt. Ich möchte nur mit Menschen zusammenarbeiten, die meine Auffassung teilen, dass unsere Arbeit eine Frage von Leben oder Tod ist. Weil ich ein Perfektionist bin, würde ich es eher verstehen, wenn ein Schauspieler eine Rolle, die ich ihm anbiete, ablehnt, als dass er irgendwo mittendrin seine Motivation verliert.

Biografien

TOMASZ WASILEWSKI (Regie & Buch), geboren 1980 in Torun, Polen. Studium an der Nationalen Filmhochschule in Lodz. Regieassistenzen an Theatern und Mitarbeit bei internationalen Filmkoproduktionen (u.a. „Antichrist” von Lars von Trier). Drehbücher für polnische TV-Serien. Kinodebüt mit dem Langspielfilm „In A Bedroom”, uraufgeführt 2012 beim Karlovy Vary International Film Festival. Ausgezeichnet wurde der Film u.a. mit dem Preis der Öknomenischen Jury beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Wasilewskis zweiter Spielfilm „Tiefe Wasser“ wurde beim New Yorker Tribeca Film Festival uraufgeführt und erhielt sowohl den Preis des „East of the West”-Wettbewerbs beim Karlovy Vary International Film Festival sowie den Zuschauerpreis beim New Horizons Festival im polnischen Wrocław (Internationaler Wettbewerb).

MATEUSZ BANASIUK (Kuba) studierte an der Aleksander-Zelwerociz-Akademie für darstellende Künste in Warschau. Seit seinem Abschluss 2011 war er auf Theaterbühnen, im Kino und im Fernsehen zu sehen. Er spielt Schlagzeug und gewann 2013 einen Landeswettbewerb im Schwimmen. 2012 erhielt er den prestigeträchtigen Felix-Warszawski-Preis für seine darstellerische Leistung als Romek in Henryk Worchells Stück „Zaklęte rewiry“.

BARTOSZ GELNER (Michal), Schauspielstudium am der Ludwik-Solski-Hochschule in Krakau. Auftritte in Filmen und im Fernsehen.

MARTA NIERADKIEWICZ (Sylwia), abgeschlossenes Schauspielstudium an der Filmhochschule in Lodz. Beim 25. Festival der Theaterhochschulen erhielt sie 2007 für ihre Interpretation der Klarysa Hailsham-Brown in dem Stück „Spider’s Web“ eine Auszeichnung des Kulturministers und den Publikumspreis für die „aufregendste“ weibliche Performance. Sie hat im Fernsehen und mehreren Kinofilmen mitgespielt.

Credits

Cast

Kuba

Mateusz Banasiuk

Michal

Bartosz Gelner

Sylwia

Marta Nieradkiewicz

Ewa

Katarzyna Herman

Krystyna

Iza Kuna

Jacek

Miroslaw Zbrojewicz

Monica

Olga Frycz

Crew

Buch & Regie

Tomasz Wasilewski

Kamera

Kuba Kijowski

Montage

Aleksandra Gowin

Musik

Baasch

Szenenbild

Jacek Czechowski

Kostümbild

Monika Kaleta

Maskenbild

Ewa Kowalewska

Produzenten

Roman Jarosz, Izabela Igel

eine Produktion von Alter Ego Pictures (Warschau) und dem Polnischen Filminstitut
in Zusammenarbeit mit Studio Krak, Studio Q (Katarzyna Marciniewicz), Soundplace, Muzyczne Studio (Produkcyjne Spot), Traileandmore (Natalia Siwicka)

im Verleih der Edition Salzgeber