Der Prinz und der Dybbuk

ein Film von Elwira Niewiera & Piotr Rosołowski

Polen/Deutschland 2017, 82 Minuten, italienisch-englisch-polnische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

FSK 6

Der Prinz und der Dybbuk

Wer war Moshe Waks, der 1904 als Sohn eines armen jüdischen Schmiedes aus der Ukraine geboren wurde und als Prinz Michał Waszyński 1965 in Italien starb? War er ein Wunderkind des Kinos, ein raffinierter Betrüger oder ein Mann, der filmische Illusion und Realität nicht auseinanderhalten konnte?

Als Regisseur und Produzent von Hollywood-Filmen in Italien und Spanien schuf Waszyński über 40 Filme. Er arbeitete mit Stars wie Sophia Loren, Claudia Cardinale und Orson Welles. Seine eigentliche Obsession aber galt dem Film „Der Dybbuk“, bei dem er 1937 Regie führte. Der Film beruht auf einer alten jüdischen Legende, in der eine junge Frau von dem Geist (auf Jiddisch: Dybbuk) ihrer ersten Liebe heimgesucht wird. „Der Dybbuk“ gilt nicht nur als einer der geheimnisvollsten jiddischen Filme der Filmgeschichte, er spiegelt auch Waszyńskis ruheloses Leben mit vielen ungelüfteten Geheimnissen wider. Im Laufe der Jahre nehmen die Idee der unerwiderten Liebe und die seelische Besessenheit auch im Leben des Filmemachers eine immer größere Rolle ein.

Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski nehmen in DER PRINZ UND DER DYBBUK Waszyńskis Spur auf und folgen ihm nach Polen, in die Ukraine und die USA, nach Italien, Israel und Spanien. Für ihr faszinierendes Porträt eines menschlichen Chamäleons, das kontinuierlich Namen, Religion, Titel und Länder wechselte, um seine eigene Lebensgeschichte wie ein Filmdrehbuch zu schreiben, wurden die beiden in Venedig mit dem Löwen für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Trailer

Directors’ Statement
Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski über ihren Film

Der Geist, der ihn rief

Wer von uns sehnt sich nicht mindestens einmal im Leben danach, jemand anderes zu sein?

Selten jedoch gelingt eine solche Meisterschaft im Rollentausch wie im Falle Michał Waszyńskis. Er war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die sich jedem Muster entzog: ein Jude in Kowel, ein Pole in Warschau und schließlich ein Prinz in den elitären Kreisen Nachkriegseuropas. Sein Fall ist auf den ersten Blick keineswegs tragisch, sondern glänzend. Waszyński hatte ein phänomenales Talent zum Annehmen neuer Identitäten. Genau das hat auch uns als Regisseure als erstes an ihm als Figur fasziniert. Aber welchen Preis bezahlte Waszyński für seine Maskeraden?

Die Umgebungen, in denen Waszyński lebte, ermöglichten es ihm nicht, er selbst zu sein. Wenn die Wirklichkeit unerträglich wird, liegt die Option nahe, das eigene Leben in die Imagination zu verlagern. Mit Hilfe der Magie des Kinos gelang Waszyński dieser Trick perfekt. Er lehnte sein ursprüngliches Selbst ab und wurde zu einem einzigartigen Regisseur, der nicht nur monumentale Filme erschuf, sondern auch sein eigenes Leben zu einem machte. In seinem Inneren kam es jedoch zum Zusammenstoß der imaginären Identität und der verborgenen.

Der Mensch kommt nicht als „Chamäleon“ zur Welt, es ist die Gesellschaft, die ihn zwingt, die eine oder andere Rolle anzunehmen, das Unerwünschte und Unbequeme zu unterdrücken oder im Unterbewusstsein zu verbergen. Waszyński verwandelte diesen Konflikt zu einem Spiel und augenscheinlich auch zu seinem Vorteil. So ist es ihm gelungen, die Geister der Intoleranz zu überlisten. Doch diese hinterließen zugleich ein Brandmal an ihm.

Ein Film über Waszyńskis Leben ist zwangsläufig auch ein Film über die Magie des Kinos. Das Kino war für ihn ein magisches Vehikel, das ihm mehrmals aus der schlimmsten Bedrängnis heraushalf. Auf der Leinwand konnten im Handumdrehen ein Chauffeur zum Prinzen und ein Prinz zum Chauffeur werden. Warum nicht auch in der Wirklichkeit? Sein Leben erinnert an das wandlungsfähige Chamäleon Leonard Zelig in Woody Allens „Zelig“ (1983) oder den hinter den Mauern seines Imperiums versteckten John Foster Kane aus „Citizen Kane“ (1941) von Orson Welles. Zelig und Kane waren fiktive Filmfiguren, Waszyński aber lebte wirklich.

Das Aufdecken von Waszyńskis Schicksal verlangte die Geduld und Ausdauer von Archäologen. All die Orte, an denen er gelebt und gearbeitet hatte, sind entweder ganz verschwunden oder haben ihren Charakter völlig verändert. Waszyński verwischte zudem sorgfältig Teile seiner Biographie, um diese auf seine eigene Art neu zu schreiben. Bei dem Versuch, sein Leben aus den verbliebenen Schnipseln zu rekonstruieren, wurde uns klar, dass viele Elemente in diesem Puzzle einander widersprechen, dass sich die Wahrheit oft mit Vermutungen vermischt. Ein Labyrinth von falschen Spuren und unterschiedlichen Versionen der Ereignisse. Um aus diesen Teilen ein Porträt zusammenzusetzen, haben wir entschieden, das Spiel mit Illusion und Wahrheit zum dramaturgischen Stilmittel unseres Films zu machen.

Den entscheidenden Schlüssel zum Verständnis Waszyńskis haben wir schließlich in der chassidischen Mythologie gefunden, mit der er aufwuchs. In seinen Briefen beschreibt er nicht nur die Erinnerungen an seine unerfüllte Liebe, sondern auch an die chassidische Welt, die unwiederbringlich von der Erdoberfläche verschwunden war und die er so sehr vermisste. In seinem bahnbrechenden Film „Der Dybbuk“ (1937) hat Waszyński jene Sehnsucht verarbeitet. Ausschnitte aus diesem Meisterwerk bilden in Verbindung mit Auszügen aus seinen Briefen deswegen auch die „innere Stimme“ unseres Protagonisten. Wohl nicht ohne Grund suchte Waszyński am Ende seines Lebens wie besessen eine Kopie dieses Films, der jahrzehntelang tatsächlich als verschollen galt und wie ein Geist ein Leben lang durch Waszyński Kopf spukte.

Hintergrund

Michał Waszyński wurde am 29. September 1904 als Moshe Waks und Sohn eines armen jüdischen Schmieds im polnischen Kowel, einer Stadt in Wolhynien (heute Ukraine), geboren. Als junger Mann zog er zunächst nach Kiew, dann nach Warschau, wo er seinen Namen zu Michał Waszyński änderte und zum Katholizismus konvertierte. In Warschau begann er als Schauspieler und Regieassistent zu arbeiten. Im Jahr 1929 drehte er seinen ersten eigenen Film als Regisseur, „Unter der Flagge der Liebe“, für den er auf dem Filmfestival in Nizza mit der Goldenen Medaille ausgezeichnet wurde.

Im Laufe der 1930er Jahre war Waszyński einer der produktivsten Regisseure Polens und drehte mehr als jeden vierten Film, der in dieser Zeit überhaupt entstandenen ist (40 von 147). Neben vielen populären und kommerziell erfolgreichen Filmen drehte er auch „Der Dybbuk“, der heute als Meilenstein des jiddischen Kinos gilt.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verliert sich seine Spur. Biographisch belegbar ist erst wieder, dass er sich im Sommer 1941, als die Deutschen in Russland einmarschierten, der Armee der polnischen Exilregierung anschloss. Als Mitarbeiter der Filmabteilung begleitete er die sogenannte „General-Anders-Armee“ in den Iran, nach Ägypten und Palästina und landete mit ihr schließlich in Italien. Dort filmte er 1944 die vier Monate dauernde Schlacht um Monte Cassino. 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb er in Italien und drehte dort drei Filme als Regisseur in italienischer Sprache, darunter „Der Unbekannnte von San Marino“ (1947) mit Anna Magnani und Vittorio De Sica. In den späten 50er und frühen 60er Jahre arbeitete er als Produzent großer Hollywood-Filme in Italien und Spanien, darunter für Filme von Joseph L. Mankiewicz, Anthony Mann und Nicholas Ray. 
In der Öffentlichkeit behauptete Waszyński seit seinem Ankommen in Italien, ein Prinz aus Polen zu sein, den die Kommunisten enteignet hätten. Während Waszyński seine Homosexualität in den 20er und 30er Jahren noch offen lebte, tat er dies später und selbst in den aristokratischen Kreisen Roms nur noch im Verborgenen.

Am 20. Februar 1965 starb Waszyński an den Folgen eines Herzinfarkts in Madrid und wurde später in Rom katholisch beerdigt.

Biografien

Elwira Niewiera Geboren 1976 in Racibórz, Polen. Studierte zunächst Schauspiel an der Theaterakademie Gardzienice in Polen. Lebt seit 2003 in Berlin, wo sie als Dokumentarfilmemacherin arbeitet.
2007 drehte sie ihren ersten abendfüllenden Dokumentarfilm „Bulgarian Stories“. Ihr zweiter Dokumentarfilm „Domino Effekt” (Regie zusammen mit Piotr Rosolowski) wurde weltweit bei über 40 Festivals gezeigt und unter anderem mit der Goldenen Taube beim DOK Leipzig und dem Goldenen Horn beim Filmfestival Krakau ausgezeichnet.
Ihr neuester Film DER PRINZ UND DER DYBBUK (Regie zusammen mit Piotr Rosołowski) feierte im September 2017 Welt­premiere auf den 74. Filmfestspielen von Venedig und gewann dort den Löwen für den Besten Dokumentarfilm. Ihre Filme setzen sich vielschichtig mit den gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüchen in Osteuropa auseinander.

Filmografie als Regisseurin

  • 2017

    „Der Prinz und der Dybbuk“ · Dokumentarfilm, 82 min. · Recherche, Co-Drehbuch, Co-Regie · Preise: Filmfestspiele von Venedig: Löwe für den Besten Dokumentarfilm

  • 2014

    „Domino Effekt“ · Dokumentarfilm, 76 min. · Recherche, Co-Drehbuch, Co-Regie · Preise (Auswahl): Visions du Réel Filmfestival, Schweiz: Preis der ökumenischen Jury · Filmfestival Krakau: Goldenes Horn, Goldenes Steckenpferd, Preis für die Beste Kamera · Intern. Dokumentarfilmfestival Budapest: Preis für den Besten Film · DOK Leipzig: Goldene Taube · Nominierungen: Polnischer Filmpreis 2015 in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“

  • 2007

    „Bulgarian Stories“ · Dokumentarfilm, 72 min. · Recherche, Co Drehbuch, Co-Regie


Piotr Rosolowski Geboren 1977 in Dobre Miasto, Polen. Lebt und arbeitet seit 2008 in Berlin. Absolvierte sein Kamera­studium an der Filmhochschule Katowice in Polen. Danach wurde er mit einem Stipendium der Kunsthochschule für Medien Köln ausgezeichnet. Co-Regisseur des Dokumentarfilms „Domino Effekt“, der weltweit auf über 40 Festivals gezeigt und unter anderen mit der Goldenen Taube beim DOK Leipzig und dem Goldenen Horn beim Filmfestival Krakau ausgezeichnet wurde. Sein neuester Film DER PRINZ UND DER DYBBUK (Regie zusammen mit Elwira Niewiera) feierte im September 2017 Weltpremiere auf den 74. Filmfestspielen von Venedig und gewann dort den Löwen für den Besten Dokumentarfilm. Er ist zudem Co-Autor des Oscar-nominierten Kurzdokumentarfilms „Mauerhase“ (2009, Regie: Bartek Konopka) und Kameramann von vielen preisgekrönten Lang- und Kurzfilmen, darunter „Auf der Strecke“ (2007, Regie: Reto Caffi) und „Walking Under Water“ (2014, Regie: Eliza Kubarska).

Filmografie als Regisseur

  • 2017

    „Der Prinz und der Dybbuk“ · Dokumentarfilm, 82 min. · Recherche, Co-Drehbuch, Co-Regie · Preise: Filmfestspiele von Venedig: Löwe für den Besten Dokumentarfilm

  • 2014

    „Domino Effekt“ · Dokumentarfilm, 76 min, · Recherche, Co-Drehbuch, Co-Regie · Preise (Auswahl): Visions du Réel Filmfestival, Schweiz: Preis der ökumenischen Jury · Filmfestival Krakau: Goldenes Horn, Goldenes Steckenpferd, Preis für die Beste Kamera · Intern. Dokumentarfilmfestival Budapest: Preis für den Besten Film · DOK Leipzig: Goldene Taube · Nominierungen: Polnischer Filmpreis 2015 in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“


… als Autor:

  • 2009

    „Mauerhase / Rabbit a la Berlin“ · Dokumentarfilm, 39/52min. ·

  • Regie:

    Bartek Konopka; Drehbuch: Piotr Rosołowski, Bartek Konopka; Kamera und Recherche: Piotr Rosołowski · Preise (Auswahl): Hot Docs Toronto: Preis für den Besten Dokumentarfilm · Filmfestival Krakau: Gran Prix „Zloty Lajkonik“ · Dokumentarfilmfestival Jihlava: Silver Eye für den Besten Dokumentarfilm · Nominierungen (Auswahl): Oscar-Nominierung in der Kategorie „Best Short Documentary“ (2010) · Nominierung für den Adolf-Grimme-Preis (2011)

  • 2004

    „Der Weg der Ziege“ · Dokumentarfilm, 51min. · Regie: Bartek Konopka; Drehbuch: Bartek Konopka, Piotr Rosołowski; · Recherche und Kamera: Piotr Rosołowski · Preise (Auswahl): Berlinale 2004: Planete-Dokumentarfilmpreis · Filmfestival Krakau: Publikumspreis


… als Kameramann (Auswahl):

  • 2015

    „Peter Handke: Bin im Wald. Kann sein dass ich mich verspäte …“ · Dokumentarfilm, 90 min. · Regie: Corinna Belz; Kamera: Nina Wesemann, Axel Schneppat, Piotr Rosołowski

  • 2014

    „Walking Under Water“ · Dokumentarfilm, 76 min. ·Regie: Eliza Kubarska; Kamera: Piotr Rosołowski

  • 2009

    „Die Wahrheit über Dracula“ · Dokumentarfilm, 90 min. · Regie: Stanislaw Mucha; Kamera: Piotr Rosołowski

  • 2009

    „Kein Ort“ · Dokumentarfilm, 89 min. · Regie: Kerstin Nickig; Kamera: Piotr Rosołowski

  • 2007

    „Auf der Strecke“ · Spielfilm, 30 min. · Regie: Reto Caffi; Kamera: Piotr Rosołowski