Ab 18. Juni im Salzgeber Club

Die Wohnung

ein Film von Aron Goldfinger

Deutschland/Israel 2011, 97 Minuten, deutsche Fassung, z.T. deutsche Untertitel

Kinostart: 14.6.2012

FSK 0

Die Wohnung

Eine Wohnung in Tel Aviv, ein Stück Berlin mitten in Israel. 70 Jahre lang hat Gerda Tuchler hier mit Ehemann Kurt gelebt, nachdem sie vor dem Holocaust aus Deutschland fliehen mussten. Weggeschmissen haben sie nichts. Als sie mit 98 Jahren stirbt, trifft sich die Familie zur Wohnungsauflösung. Inmitten unzähliger Briefe, Fotos und Dokumente werden Spuren einer unbekannten Vergangenheit entdeckt: Die jüdischen Großeltern waren eng befreundet mit der Familie des SS-Offiziers Leopold von Mildenstein.

Filmemacher und Enkel Arnon Goldfinger nimmt zusammen mit seiner Mutter den Kampf auf: mit Wut und Mut gegen die Kisten, den Staub, die Antiquitätenhändler, die Familie, die Vergangenheit und die Gegenwart, Verdrängung und Wahrheit.

Trailer

Director's Statement
Arnon Goldfinger über seinen Film

Der Film entwickelt seine Geschichte wie ein Detektivfilm. Insofern sollte man nicht allzu viel vorab verraten. In Israel waren die Menschen, die ihn ihren Freunden empfehlen wollten, peinlich darauf bedacht, nur das Nötigste über seine Geschichte zu erzählen.
Wenn ich einen Film mache, bin ich darauf gefasst, dass mich das über einen langen Zeitraum beschäftigen wird. Jeden Stein muss ich umdrehen, jeden Flecken Erde umgraben. Ich weiß genau, dass das etwas in mir auslösen wird, der Prozess des Dokumentarfilmemachens geht ja nicht spurlos an einem selbst vorüber.

An „Die Wohnung“ habe ich fünf Jahre gearbeitet. Nebenher gab ich Kurse im Drehbuchschreiben – für Spielfilme, denn das ist ein guter Ausgleich: das Überraschende und oftmals Chaotische des Lebens mit dem Bedürfnis zu verbinden, eine Geschichte zu erzählen.

Zunächst dachte ich ja, dass die Eigenart meiner Familie, über die Vergangenheit kein Wort zu verlieren, einzigartig sei. Doch seit der Film gezeigt wird, sehe ich, dass Menschen ihn mit Fragen an ihre eigenen Eltern verlassen, die sie offensichtlich nie gestellt haben. Oder dass andere sich darüber bewusst werden, ihren Kindern bisher wichtige Dinge verschwiegen zu haben. Das hat für einige Gespräche zwischen den Generationen gesorgt.

Die Wohnung meiner Großeltern hatte immer eine besondere Bedeutung für mich. Ich wollte darin drehen, bevor sie aufgelöst würde und die Welt, die darin konserviert war, für immer verschwunden wäre. Ein Kameramann kam dazu und wir hielten die Dinge der Wohnung fest, ohne daran zu denken, dass irgendetwas Wichtiges zum Vorschein kommen könnte. Und dann, nach und nach, machten wir in dieser Wohnung Entdeckungen. Das wurde immer beunruhigender. Die Nachforschungen bekamen eine eigene Dynamik und neue Charaktere tauchten auf, völlig unerwartet für uns. Auch das Filmteam wurde größer und plötzlich war das Projekt eine deutsch-israelische Koproduktion. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass der Film, während er entstand, nicht aufhörte, mich zu überraschen und zu verändern.

Hintergrund
Das Haavara-Abkommen

Trotz der Bedrängung durch das NS-Regime war der Wunsch zur Auswanderung unter den deutschen Juden anfänglich nicht sehr ausgeprägt. Neben ihrer Verbundenheit mit Deutschland waren der Mangel an Ländern, die bereit waren, Juden aufzunehmen und die Beschränkungen bei der Mitnahme des Besitzes die wichtigsten Hinderungsgründe. Das einzige Land, das bereit war, Juden in größerer Zahl aufzunehmen, war Palästina. Die Zionistische Weltorganisation erkannte früh die Notwendigkeit, die Palästinaeinwanderung durch Erleichterungen bei der Mitnahme von Eigentum zu fördern. Ihr Vertreter, Chaim Arlosoroff, führte gemeinsam mit Repräsentanten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland im Frühjahr 1933 Verhandlungen mit dem Reichswirtschaftsministerium über eine Regelung, die eine Auswanderung größeren Ausmaßes unter besseren Bedingungen ermöglichen sollte.

Im August 1933 schlossen beide Seiten das Haavara-(Transfer-)Abkommen, in dem folgender Mechanismus galt: Auswanderungswillige Juden zahlten ihr Vermögen bei einer der Transfer-Banken in Deutschland ein. Von diesem Geld kauften palästinensische Importeure Waren in Deutschland, die sie in Palästina veräußerten. Diese Erträge erhielten die Auswanderer in Palästina nach Abzug von Kosten wieder ausbezahlt. Da andere Formen des Kapitaltransfers ins Ausland von der deutschen Regierung massiv besteuert wurden, war der Haavara-Transfer eine relativ günstige Möglichkeit, jüdischen Besitz auszuführen. Außerdem konnte durch das Abkommen die Auswanderung mittelloser Juden ermöglicht werden, da das für die Einwanderung nach Palästina benötigte »Vorzeigegeld« in Höhe von 1.000 palästinensischen Pfund (ca. 15.000 Reichsmark) durch die Einnahmen des Warentransfers finanziert wurde.

Die Vereinbarung war innerhalb der zionistischen Bewegung heftig umstritten. Zionistische Gruppen außerhalb Deutschlands unterstützten den internationalen Wirtschaftsboykott gegen NS-Deutschland und bekämpften das Abkommen, da es den Boykott unterlief und den Nazis, wenn auch in geringem Maße, dringend benötigte Deviseneinnahmen ermöglichte. Auf dem 18. Zionistenkongress 1933 in Prag bezeichnete der Schriftsteller Schalom Asch das Abkommen mit Hitlers Regime als »Verrat am Weltjudentum«. Chaim Arlosoroff wurde 1933 Opfer eines Mordanschlags, der auf seine Tätigkeit als Verhandlungsführer der Jewish Agency mit Deutschland zurückgeführt wird. Heute wird das Haavara-Abkommen in einigen Schriften referenziert, um eine potentielle Interessengemeinschaft des Zionismus und Nationalsozialismus zu belegen. Auch der israelische Historiker Tom Segev verweist auf das damalige massive Interesse der zionistischen Führung, speziell David Ben Gurions an jüdischer Einwanderung aus NS-Deutschland und auf die Palästinareise des führenden SS-Ideologen Leopold Itz von Mildenstein, die in einer enthusiastischen Artikelserie in Joseph Goebbels’ Zeitung »Der Angriff« (26. September bis 9. Oktober 1934) ihren Niederschlag fand.

Das NS-Regime war aus zwei Gründen an dem Abkommen interessiert. Zum einen sollte die Möglichkeit, Besitz mitzunehmen, die jüdische Emigration beschleunigen, zum anderen erhoffte man sich vermehrte Deviseneinnahmen durch den verstärkten Handel mit Palästina und anderen Ländern im Nahen Osten.

Während das Abkommen in den ersten Jahren seiner Existenz von den meisten Institutionen der NS-Regierung und der NSDAP unterstützt wurde, nahm ab 1935 die Kritik an dem Transfermechanismus zu. Die Reichsbank erkannte, dass die deutsche Seite durch Haavara kaum Fremdwährung einnahm, stattdessen aber das »Vorzeigegeld« mit eigenen Devisen finanzieren musste; das Auswärtige Amt stellte fest, dass der Wirtschaftsboykott gegen Deutschland keine Gefahr darstellte; der Sicherheitsdienst des SS befürchtete, dass das Abkommen die Etablierung eines jüdischen Staates in Palästina förderte, welcher den Juden als »Machtbasis« im Kampf gegen Deutschland dienen konnte. Ab 1937 wandten sich die meisten der beteiligten Regierungs- und Parteistellen von der Unterstützung des Transferabkommens ab. Die Modalitäten und der Umfang des Transfers wurden immer weiter beschränkt. Es setzte sich die Haltung durch, dass die Mitnahme von Besitz die jüdische Emigration nicht ausreichend beschleunigte. Statt dessen verstärkte das Regime den Verfolgungsdruck auf die jüdische Bevölkerung, um sie zur Auswanderung zu zwingen. Allein eine persönliche Entscheidung Hitlers, die Anfang 1938 fiel, ermöglichte die Fortsetzung des Abkommens. Offiziell wurde der Haavara-Transfer 1941 eingestellt, seit Kriegsbeginn fand jedoch kein Kapitaltransfer mehr statt. Im Rahmen von Haavara emigrierten bis 1939 mehr als 50.000 deutsche Juden nach Palästina, die Besitz im Wert von ca. 140 Mill. RM mitnahmen.

Credits

Crew

Buch & Regie

Arnon Goldfinger

Produzenten

Thomas Kufus, Arnon Goldfinger

Schnitt

Tali Halter Shenkar

Kamera

Philippe Bellaiche, Talia (Tulik) Galon

Ton

Amos Zipori

Recherche

Mareike Leuchte, Franziska Lindner, Arnon Goldfinger

Musik

Yoni Rechter

Sprecher der deutschen Fassung

Axel Milberg

eine Koproduktion von zero one film und Arnon Goldfinger mit ZDF, SWR, Noga Communications / Channel 8 in Kooperation mit ARTE
gefördert durch FFA, Medienboard Berlin-Brandenburg, DFFF, New Israeli Foundation for Cinema and Television

im Verleih der Edition Salzgeber