WIE LUFT ZUM ATMEN

ein Film von Ruth Olshan
Dokumentarfilm, D 2005, 90 Minuten, Farbe, OmU
FSK-Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung

Buch & Regie Ruth Olshan
Musikredaktion ZDF/Arte Christopher Jansen
Produzent Peter Kreutz
Kamera Marcus Winterbauer
Tonmeister Paul Oberle

eine Produktion der aquafilm e.K., Köln
in Koproduktion mit dem ZDF und in Zusammenarbeit mit arte

KURZINFORMATION

WIE LUFT ZUM ATMEN entdeckt die beeindruckende Musikalität Georgiens und stellt ihre Bedeutung für dieses Land dar. Denn in den verloren gegangenen und wieder entdeckten Gesängen und Tänzen bewahren die Georgier ihre ureigene Identität und ihre Stärke.

Der Film ist eine musikalische Reise in ein kleines Land zwischen Asien und Europa, das zu unrecht zwischen den Grenzen der Kulturen vergessen wird und das bisher allzu selten mit seiner Schönheit, seinem Zauber und seiner Vielfältigkeit in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten ist.

Wie Luft zum Atmen sei die Musik für sie, meint eine Frau und man versteht sie sofort. Denn der Film erzählt auch von den beschränkten Umständen, in denen die Menschen in Georgien heute leben.


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INHALT

Georgien liegt im Kaukasus, an der Grenze zwischen Orient und Okzident. Von Gebirge umgeben und im Westen begrenzt vom Schwarzen Meer hat sich dort eine in mehrerer Hinsicht einzigartige Kultur und Natur herausgebildet, die der Dokumentarfilm von Ruth Olshan faszinierend einfängt. Die landschaftliche Schönheit, die immer wieder die Kamera von Marcus Winterbauer zu außergewöhnlichen Bildern hinreißt, steht heutzutage allerdings im großen Widerspruch zu den Problemen des Landes, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wirtschaftlich kollabierte. Man schätzt, dass über 50% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben.

Eine der Protagonistinnen in WIE LUFT ZUM ATMEN führt das Filmteam auf das Gelände eines stillgelegten Zementwerks in Rustawi, das quasi über Nacht die Produktion einstellte und sie und ihre Familie arbeitslos werden ließ. Was ihr bleibt, um die Hoffnung und Zuversicht auf ein besseres Leben nicht zu verlieren, sind die Nachmittage mit ihren Freundinnen. Was sie dort zusammen tun, ist für Nicht-Georgier vielleicht etwas ungewöhnlich, in Georgien aber keine Besonderheit: sie treffen sich, um Chorlieder zu singen, folkloristische Tänze zu üben und auf altertümlichen Instrumenten zu spielen. „Ohne Musik“, so erzählt die junge Frau, „würde ich durchdrehen“. Und ihre Chorleiterin stellt nüchtern fest: Sie und die Mädchen brauchen die Musik „wie Luft zum Atmen“ – und so nennt Ruth Olshan ihren Film, der auf einer Reise durch das Land die Menschen und ihre besondere Beziehung zur Musik porträtiert.

Die traditionelle Volksmusik Georgiens ist auf der ganzen Welt einzigartig und wurde von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Was sie ausmacht ist vor allem die polyphone Stimmführung des Chorgesangs und die rhythmische Komplexität der Lieder. Die Harmonik basiert auf einem seit dem Mittelalter mündlich überlieferten eigenen Tonlagensystem, das anders und mehr als 300 Jahre früher als in Europa notiert wurde; Die Lieder enthalten Texte, die aus (wie man glaubt) altsumerischen Sprachen entwickelt wurden. In den verschiedenen Regionen Georgiens sind dabei völlig unterschiedliche Varianten der Folklore entstanden und haben dabei eine jeweils besondere Spielweise und Tanztradition herausgebildet.

Ein Männerchor, den Ruth Olshan in ihrem Film begleitet, fährt durch die unterschiedlichen Regionen des Landes und sucht Menschen auf, die noch die alten Lieder singen können, die nirgendwo aufgeschrieben sind. Das Interesse des Chorleiters liegt daher auch in der Bewahrung und Weiterführung dieser Tradition, die für ihn zur georgischen Identität gehört und in der er noch „den Hauch der vergangenen Jahrhunderte“ spürt. Die alten Männer, die er findet, haben sich selbst ganz dieser Idee verpflichtet – sie selbst haben das, was sie singen einst von ihren Vätern gelernt und einfach weiter gesungen. Um neue Lieder zu erfinden, sei das Wesen der Musik viel zu kompliziert.

Auch der Lehrer einer Schultanzgruppe in Rustawi sieht es als seine Aufgabe an, den Kindern mit der Tanztradition auch die Liebe zu ihrer Kultur beizubringen und ihnen das Gefühl ihrer Einzigartigkeit zu vermitteln. Ruth Olshan befragt auf ihrer Reise dazu auch die jungen Ensemblemitglieder, die in ihrer Freizeit eher Popmusik hören und sich für Monica Belucci oder Meg Ryan interessieren. „Sexy“ sei die Volksmusik ja nicht gerade, meint ein Jugendlicher, der auch in einem Chor singt, aber beim Singen der alten Lieder fühle er sich manchmal so „erhaben“ und „besonders“, dass er eine Gänsehaut bekäme. Ein Mädchen, das von ihren Eltern zum Tanzkurs geschickt wurde, weil sie zu dick war, spürt plötzlich auch das Besondere an den Tänzen und dass sie durch das Tanzen ein Erbe annimmt und eine Tradition weiterführt. Was dabei Uneinigkeit hervorruft und in der modernen Zeit irritiert, ist dagegen die Trennung weiblicher und männlicher Kulturtraditionen. Der Tanzlehrer lässt Jungs und Mädchen gegeneinander tanzen, die Mädchen finden es aber eigenartig, Jungentänze aufzuführen. Ein Frauenchor dagegen singt bewusst traditionelle Männerlieder, auch wenn sie damit wenig Bewunderung durch die männlichen Chöre ernten. Der Mut und die Stärke der georgische Frauen, so die Chorleiterin, prädestiniere sie durchaus zum Singen dieser kraftvollen Lieder – in einer Zeit, in der Frauen wie Männer von Arbeitslosigkeit betroffen sind und die klassische Geschlechtertrennung nicht mehr aus den alltäglichen Tätigkeiten ableitbar sind.

Das Problem ist eher, so macht WIE LUFT ZUM ATMEN deutlich, die Energie der Menschen, die im Leben außer in der Musik kein Ventil findet. Die Trostlosigkeit mancher Wohngebiete, die der Film zeigt, die schwierigen Arbeitssituationen, von denen die Protagonisten erzählen (die Chorleiterin z.B. hat drei verschiedene Jobs in drei verschiedenen Städten), lässt die Musik meist zum einzigen Höhepunkt werden, den die Menschen in Georgien in ihrem Alltag haben. Wichtig ist dabei auch die soziale Komponente, wie immer wieder in unterschiedlichsten Aussagen im Film deutlich wird: der Chorleiter behauptet, dass man jeden Menschen, der neben einem singt, lieben muss; die Jugendlichen wissen, dass sie ohne Chor nur „herumlungern“ würden; die Chormitglieder erfahren das Singen vor allem als Ausdruck ihrer Gemeinschaft. Musikalität ist in Georgien manchmal sogar ein Heiratskriterium – ein Protagonist, der eine hochmusikalische Frau gefunden hat, freut sich, dass nun seine und ihre Familie ein großartiges Ensemble abgeben, während andererseits Herr Sergo, der Kamantscha-Virtuose, es bedauert, seit 58 eine Frau zu haben, die sich mehr für Marmelade als für Musik interessiert.

Der soziale Aspekt wird dabei aus der Musik selbst abgeleitet: die traditionellen drei polyphon organisierten Stimmen können als drei „komplizierte Persönlichkeiten“ interpretiert werden, die am Ende doch zusammenfinden und zu Freunden werden können. Und auch politische Spannungen und Differenzen (die Republiken Abchasien und Südossetien haben sich vom Land abgespalten und beanspruchen staatliche Unabhängigkeit) können hier und da in der Musik aufgehoben werden, denn: „Das Wichtigste ist, dass der Georgier singt“.

Ruth Olshans vielschichtiges Porträt eines Landes, seiner Menschen und ihrer Musik zeigt viele unterschiedliche Aspekte ihres Themas: die Beziehung des Folklore zum Alltag, die Idee der bewahrenswerten Tradition, die in den Texten gespeicherten Mythen, das soziale Erleben der Musik, die regionale Unterschiedlichkeit der Kultur, schließlich auch Musiker, die sich um einer Weiterführung und –entwicklung der Musik in Pop- und Jazzbereiche bemühen. Dabei gelingt es visuell anschaulich und akustisch faszinierend, diese einzigartige Kultur zu vermitteln, in denen die künstlerische Tätigkeit eine existentielle Bedeutung für den einzelnen Menschen hat.



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DIE REGISSEURIN

Ruth Olshan wurde 1970 in Moskau geboren und lebt seit 1974 in Deutschland. Sie studierte zunächst in Berlin Film- und Theaterwissenschaften, machte eine Ausbildung zur Verlagskauffrau, bevor sie sich zu einem Filmregie-Studium entschloss, das sie an der KHM abschloss.

Filmografie:

2005   Kinodokumentarfilm „Being Kosher“
Gerd-Ruge-Preis
2004   Kinodokumentarfilm "Wie Luft zum Atmen", Filmförderung NRW, FFA, ARTE
2003   Förderpreis Nordrhein-Westfalen für Film und Fernsehen 2003
2003   Dokumentarfilm "Tanz der Saris", Video, 27 Min., Aquafilm für ARTE
2002   Spielfilm "Savannah", 35mm, 90 Min., für Crea TV, WDR und Filmstiftung NRW Regisseurin
2001   "Quién eres tú?" 35mm, 12 Min. (Kuba) Autorin, Regisseurin, Produktionsförderung Filmbüro NW,
Prädikat "wertvoll, La Biennale di Venezia, Kurzfilmwettbewerb 2001
"Gott hustet" Drehbuch Spielfilm, Drehbuchförderung Filmstiftung NW

2000   Künstlerinnen-Förderpreis des Kultusministeriums des Landes Nordrhein-Westfalen
"Wenn Gott hustet" 35 mm, 15 Min. (KHM Köln)




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DER KAMERAMANN

Marcus Winterbauer ist Jahrgang 1965, hat an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg Kamera studiert, und sein Wissen mittlerweile bei einigen, auch HD-Produktionen anwenden können.

Filmografie:

2005   „Wie Luft zum Atmen“ (Regie: Ruth Olshan)
„Dancing with Myself“ (Regie: A. Kruska, J. Keil; Berlinale, Perspektive deutsches Kino)
2004   „Transit“ (Regie: Andreas Voigt)
„Rhythm is it“ (Regie: T. Grube, E. Sanchez; Deutscher Filmpreis 2005)
2001   „Der Glanz von Berlin“ (Regie: A. Kruska, J. Keil; Berlinale, Perspektive deutsches Kino)
2000   „Waschen und Legen“ (Regie: A. Agneskirchner)
1999   „Ausfahrt Ost“ (Regie: A. Kruska, J. Keil; Grimme-Preis Nominierung)
„Zwischen 2 Welten“ (Regie: B. Haasen; FIPRESCI Preis Amsterdam; 1. Preis Filmfest Potsdam)

1994   „Rauliens Revier“ (Regie: A. Agneskirchner; 1. Preis Filmfestival Chicago; Hochschul-Kamerapreis)



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Stand 08/06 - Irrtümer vorbehalten