Im Salzgeber Club

Café Nagler

ein Film von Mor Kaplansky und Yariv Barel

Israel / Deutschland 2015, 59 Minuten, hebräisch-englisch-deutsche Originalfassung mit deutschen Untertiteln

Kinostart: 9. Juni 2016

FSK 0

Café Nagler

Das Café Nagler am Moritzplatz war in den 1920er Jahren einer der aufregendsten Orte in ganz Berlin! Das jedenfalls hat die junge israelische Regisseurin Mor, eine Nachkommin der Naglers, ihr Leben lang in ihrer Familie gehört. Inspiriert von ihrer Großmutter, die früher selbst Dokumentar-Regisseurin war, reist Mor nach Berlin, um einen Film über die Geschichte des Cafés zu drehen. Doch dort, wo früher das Nagler stand, liegt heute ein Garten, und von dem Café, das in Israel so legendär ist, scheint niemand etwas zu wissen. Um ihre Großmutter, die sehnsüchtig auf erstes Filmmaterial wartet, nicht zu enttäuschen, muss Mor tief in die dokumentarische Trickkiste greifen…

„Café Nagler“ ist ein anrührendes Familienporträt und erzählt eine ganz besondere deutsch-israelische Geschichte über die Kraft der Erinnerung und die Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit.

Trailer

Interview
Im Gespräch mit Mor Kaplanksy

Wann haben Sie das erste Mal vom Café Nagler gehört?
Ich habe mein ganzes Leben lang Geschichten über das berühmte Café Nagler gehört. Meine Großmutter erzählte mir immer von jenem großartigen und wunderschönen Café im Berlin der 1920er Jahre, das von unserer Familie betrieben worden war. Ich wuchs mit Fotos des Naglers auf. Und immer wenn Gäste zu uns kamen, wurde für eine besondere Kaffee-und-Kuchen-Zeremonie das wunderschöne alte Geschirr des Cafés herausgeholt.

Wie erklären Sie sich, dass der Mythos des Cafés eine so starke Bedeutung für Ihre Familie hatte?
Ich glaube, dass viele Familien solche Mythen pflegen. Aber für Immigranten, wie die Naglers es waren, graben sich diese Mythen tief in die Herzen und Identitäten ein. Ich glaube, dass die Sehnsucht nach einem weit entfernten Zuhause ein Leben lang bei den Immigranten bleibt. Diese Empfindung war für meine Vorfahren vermutlich noch stärker, da sich ihr Heimatland kurz nach Ihrem Wegzug aus Deutschland auf eine Art verändert hat, die es ihnen unmöglich machte, zurückzukehren. Sie mussten in Palästina bleiben und Berlins Niedergang mitansehen. Von ihrer verlorenen Heimat konnten sie nur noch träumen.

Was glaubten Sie, würden Sie in Berlin vorfinden, als Sie zu ihrer Recherchereise aufbrachen? Und was fanden Sie tatsächlich vor?
Ich habe gehofft, Geschichten über das Café zu finden, ein paar wunderbare Anekdoten, vielleicht Leute, die von ihren Eltern und Großeltern von dem Nagler gehört haben könnten. Ich dachte mir aber auch, dass es Stadthistoriker oder Kulturwissenschaftler in Berlin geben müsste, die mir etwas über die Bedeutung des Cafés in den 20er Jahren erzählen könnten. Wir hatten zu Beginn ein paar überaus vielversprechende Spuren. Wir fanden zum Beispiel heraus, dass der berühmte Komponist Paul Lincke viele Jahre lange direkt neben dem Nagler gewohnt hat. Natürlich stellten wir uns vor, wie er im Café meiner Vorfahren saß und dort vielleicht an seinen Stücken arbeitete. Doch zu unserer großen Enttäuschung konnten wir dafür keine Beleg finden. Auch gab es Hinweise, dass der Vater des berühmten Schauspielers Günter Lamprecht – Fassbinder Franz Biberkopf in „Berlin Alexanderplatz“ – ein Stammgast im Nagler gewesen sei. Als wir Herrn Lamprecht aber darauf ansprachen, hörte er davon selbst zum ersten Mal.
Wir verbrachten Stunden in Berliner Filmarchiven auf der Suche nach Aufnahmen des Cafés, wurden aber nie fündig. So gestaltete sich unsere ganze Recherchereise: Wir hatten große Hoffnungen, die zu äußerst dürftigen Fakten führten. Wir haben sogar mehrfach unseren Rechercheur ausgetauscht, weil wir nicht glauben konnten, dass sich quasi nichts Belegbares über unser Café finden lassen wollte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich einsehen konnte, dass das nicht an den Rechercheuren lag, sondern schlicht an den Tatsachen.
Es gibt nicht einmal mehr das ursprüngliche Gebäude. An jener Stelle am Moritzplatz, an der früher das Nagler stand, liegt heute ein verlassener kleiner Garten. Ausgehend von den Fotos, die wir von dem Café hatten, konnten wir feststellen, dass das Nagler ein großes und schönes Café gewesen sein muss: Grundrisspläne des Gebäudes, die wir im Staatsarchiv fanden, bestätigten unseren Eindruck. Man sagte uns aber auch, dass es damals über 5.000 Cafés und Bars in Berlin gab. Vielleicht war das der Grund, warum wir ansonsten nichts über das Nagler finden konnten.
Wir fanden in Berlin aber etwas anderes, das ganz wunderbar war: die sehr freundschaftliche Aufgeschlossenheit der Berliner. Mir schien es, dass ich nicht die Einzige war, die von der Schönheit und dem Geheimnis des verlorenen Cafés berührt wurde.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie den Film, den Sie ursprünglich im Sinn hatten, nicht realisieren konnten?
Das war tatsächlich ein längerer Prozess. Jede der vielen Enttäuschung in unseren Bemühungen, belegbare Fakten über das Café zu finden, brachte uns ein Stück näher zu der Erkenntnis, dass unser ganzes Filmprojekt scheitern könnte. Ich glaube, unsere Begegnung mit dem wunderbar charmanten Herrn Hendschke war der endgültige Wendepunkt. Wir hielten ihn lange für einen Zeitzeugen, ehe sich herausstellte, dass seine Geschichte erfunden sein musste. In diesem Moment dachte ich wirklich daran, alles abzubrechen, nach Hause zurückzukehren und unsere Niederlage einzugestehen.
Aber ich konnte einfach nicht mit leeren Händen zurück – nicht, nachdem ich so enthusiastisch mit dem Film begonnen und bei meiner Familie so große Hoffnungen gesät hatte. Die Vorstellungen, so unseren Familienmythos zu begraben, konnte ich einfach nicht ertragen. Wenn man beginnt Fragen zu stellen, muss man auch bereit für die Antworten sein. Ich musste einfach einen anderen Weg finden, um mit den Antworten umzugehen…

Sie wollten ursprünglich einen Film über ein Café machen, tatsächlich geht es in Ihrem Film aber um viel mehr. Was würden Sie sagen, ist das Thema des Films?
„Café Nagler“ ist ein Film über die Kraft der Erinnerung. Ich habe schon immer daran geglaubt, dass mythologisches Denken fest im Kern dessen liegt, wie wir uns selbst wahrnehmen. Viele von uns möchten Mythen gar nicht hinterfragen, sondern sie wunderschön, groß und unberührt lassen. Die harten Fakten sind, wenn es um Erinnerungen geht, nicht immer willkommen. Als ich mich selbst mit der Unzuverlässigkeit der Erinnerung konfrontiert sah, musste ich mich entscheiden: Wie möchte ich meine eigene Geschichte – korrekt und blass oder glamourös, wild und… nun ja, fantasievoll?

Was ist Ihrer Meinung nach so faszinierend am Berlin der 1920er Jahre?
Berlin war zu dieser Zeit bekanntermaßen eine wunderschöne, vielfältige, kreative und wilde Stadt. Und: Juden waren damals im kulturellen Leben Deutschlands und ganz besonders Berlins eine treibende Kraft! Ich kann gut verstehen, warum sich meine Familie an die Erinnerung an diese glorreiche Zeit klammert. Ich glaube, für meine Ururgroßeltern, die bis zum Rest ihres Lebens in Palästina so „deutsch“ blieben, waren die 1920er Jahre in Berlin so etwas wie ein verlorenes Paradies – eine unschuldige Zeit, nach der alles, was Ihnen lieb und wichtig war, für immer zerstört wurde. Wir trafen bei unserer Recherche in Berlin auf eine ganze Reihe junge Leute, die mit der Kultur, der Mode und Musik der 1920er Jahre regelrecht besessen sind. Einer von ihnen sagte mir, dass diese Zeit der letzte Abschnitt innerhalb der deutschen Geschichte sei, auf den man als Deutscher stolz sein könne. Ich glaube, auf ganz seltsame Weise haben meine Ururgroßeltern ebenso empfunden.

Wie hat das Publikum bisher auf den Film reagiert?
Nicht in unseren kühnsten Träumen hatten wir mit den Reaktionen gerechnet, die wir bei der Premiere des Films im Februar bei der Berlinale bekamen: schallendes Szenengelächter und große Emotionen! Vielleicht haben wir bestimmte Töne getroffen, die sowohl Israelis als auch Deutsche berühren: die gute Eigenschaft, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, und einen tiefen Respekt für die gemeinsame Vergangenheit.
In Israel wurde der Film in den letzten drei Monaten immer wieder öffentlich aufgeführt und hat eine Vielzahl positiver Reaktionen bei Publikum und Kritik hervorgerufen. Nach jeder Vorführung erreichen mich herzerwärmende Mails und Anrufe von Menschen, denen ich nie persönlich begegnet bin. Viele wollen nicht nur ihre Gedanken über den Film mit mir teilen sondern auch ihre eigenen Geschichten.

Es scheint so, als ob der Film Sie und ihre Großmutter noch enger zusammengebracht hat…
Ja, das Projekt hat uns tatsächlich noch mehr verbunden. Wir haben viele Stunden damit verbracht, kreative Ideen auszutauschen und einfach über das Leben und unsere Erfahrungen zu sprechen. Meine Großmutter ist eine kluge, gutmütige und witzige Dame. Jedes Mal, wenn ich ihr begegne, fühle ich mich danach, als sei ich ein klein wenig ein besserer Mensch geworden, nur weil sie mit daran teilhaben ließ, was sie über die Welt denkt. Als ich sie fragte, was sie von meinem Film hält, sagte sie mir, für sie ist „Café Nagler“ ein Liebesbrief von Enkelin zu Großmutter. Auch damit hat sie Recht.

Können Sie etwas über Ihr nächstes Filmprojekt erzählen? Ich habe gelesen, Ihre Großmutter soll wieder mit von der Partie sein…
Ja, das stimmt. Ich arbeite an einem Film über die Lebensgeschichte des Vaters meiner Großmutter. Er lebte während des 2. Weltkriegs in Palästina und meldete sich freiwillig bei der britischen Armee. Während des Kriegs wurde er gefangengenommen und als jüdisch-palästinensisch-britischer Kriegsgefangener in Colditz in Deutschland interniert. Wir haben Briefe und Zeichnungen von ihm aus dieser Zeit. Mein Urgroßvater verließ die Familie, als meine Großmutter 12 Jahre alt war, und kam zurück, als sie 17 war. Sie wuchs also mit einem Vater auf, der lange nur in Briefen existierte. Heute sagt sie, dass sie danach immer noch gute Freunde waren, aber sich nie mehr wie Vater und Tochter gefühlt haben. Es ist eine einmalige Familiengeschichte, wie jene um das Café Nagler.

Biografien

Mor Kaplansky arbeitete schon während ihres Kunst- und Filmstudiums an der Universität Tel Aviv als
Herstellungsleiterin für Kino- und TV-Produktionen. Nachdem sie acht Jahre als Produzentin gearbeitet hatte, entschied sie sich ihrer Leidenschaft für das Schreiben und Regieführen zu folgen. 2010 drehte Mor ihren ersten Kurzfilm „Vlog“, in dem sie sich mit den Chancen und Risiken von virtuellen Realität auseinandersetzt. „Vlog“ wurde auf zahlreichen internationalen Festivals aufgeführt (u.a. dem BFI London Film Festival und dem Sao Paolo Kurzfilmfestival). Nach diesem Erfolg begann Mor ihren ersten Langfilm zu entwickeln, „Café Nagler“. Während der Arbeit daran heiratete sie ihren Co-Regisseur und Kameramann Yariv Barel; gemeinsam haben sie eine kleine Tochter, Noga.

  • 2010

    „Vlog“ (KF, 8 Minuten), Regie, Autorin, Produzentin

  • 2015

    „Lychee“ (KF, 9 Minuten), Regie, Autorin, Produzentin

  • 2015

    „Café Nagler“ (59 Minuten), Regie, Produzentin

Yariv Barel studierte Film an der Universität von Tel Aviv. Nach seinem Abschluss drehte er Werbespots und Musikvideo, für die er mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. „Café Nagler“ ist sein Debüt als Langfilmregisseur.

  • 2010

    „Vlog“ (KF, 8 Minuten), Regie, Produzent

  • 2015

    „Lychee“ (KF, 9 Minuten), Regie, Autor, Produzent

  • 2015

    „Café Nagler“ (59 Minuten), Regie, Kameramann, Co-Produzent

Credits

Crew

Regie

Mor Kaplansky, Yariv Barel

Buch

Mor Kaplansky

Kamera

Yariv Barel

Schnitt

Arik Lahav-Leibovitz, Idit Aloni

Sounddesign

Ronen Nagel

Produzenten

Liran Atzmor, Yariv Barel, Mor Kaplansky

gefördert von Keshet TV Israel, MDR/Arte, CBC Documentary Channel, Radio Canada, RSI Switzerland und UR Sweden

im Verleih der Edition Salzgeber